2.1. Die Praxis der Achtsamkeit

In jedem Moment unseres Lebens können wir eine kleine Anstrengung unternehmen, im Hier und Jetzt zu bleiben. 

Wenn du gehst, kannst du bewusst die Fußsohlen spüren. Du kannst die Berührung deiner Hände wahrnehmen, während du etwas greifst – etwa beim Betätigen einer Türklinke. Selbst beim Zähneputzen kannst du bewusst in deinem Körper bleiben.

Gedanken mögen weiterhin auftauchen, doch wir bemühen uns, die Wirklichkeit nicht aus den Augen zu verlieren und uns nicht vollständig mit unserem Denken zu identifizieren. Stattdessen bleiben wir mit unserem Bewusstsein in diesem Moment, in diesem Körper.

Achtsamkeit ist keine Konzentration. 

Sie ist ein offenes, weites Gewahrsein des Moments, das in der physischen Realität geerdet ist.

Beispielsweise sitze ich im Garten, spüre meine Fußsohlen, den Druck des Stuhls, auf dem ich sitze, rieche den Duft der Blumen, höre die Geräusche der Vögel und Insekten und spüre, wie sich mein Herz dabei anfühlt. 

Alles ist gleichzeitig bewusst. 

Sobald ein Mensch kommt, kann ich mit meiner vollen Aufmerksamkeit bei ihm sein, ohne dass mich meine Gedanken und inneren Bilder davon ablenken.

Achtsamkeit ist kein träumerischer Zustand, sondern ein waches Sein in diesem Moment. 

Auch beim Autofahren kann man achtsam sein. Hier richtet sich die volle Aufmerksamkeit jedoch auf den Verkehr – andernfalls wäre es gefährlich. 

Man sieht den Abstand zu den vorausfahrenden Autos, ist sich gleichzeitig über die Situation neben und hinter sich durch die Spiegel bewusst. Der Körper ist spürbar, man fühlt die Hände am Lenkrad und atmet. 

Dies ist eine eher nach außen gerichtete Achtsamkeit. 

In der Meditation hingegen richten wir die Achtsamkeit mehr nach innen – auf das, was in unserem Gemüt und Geist geschieht.

Konzentration ist lediglich anfangs nötig, um aus der völligen Identifikation mit unserer Gedanken- und Bilderwelt auszusteigen. 

Hier braucht es eine bewusste konzentrative Anstrengung, um uns immer wieder in die Wirklichkeit zurückzuholen.

Damit beginnt der Weg. 

Es kann sehr lange dauern, bis Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu unserem gewohnten Zustand wird. Ein bewusstes, sanftes Bemühen, seine Achtsamkeit nicht zu verlieren, wird es jedoch immer bleiben.

Achtsamkeit führt uns zu ständiger Meditation und Gebet

Ein Mystiker versucht, den ganzen Tag in einem achtsamen Zustand zu bleiben.

Ein vertiefter Zustand der Geist-Körper-Einheit

In einem verbesserten Zustand der Einheit von Geist und Körper können die Gedanken und Prozesse des Gemüts unser Bewusstsein nicht mehr einschläfern. Wir bleiben im Hier und Jetzt, mit dem Bewusstsein in unserem Körper. Gedanken und innere Bilder nehmen wir wahr, ohne uns darin zu verlieren.

Wir sind uns unserer selbst bewusst, erkennen Gedanken als Gedanken und Gefühle als Gefühle – ohne uns damit zu identifizieren.

In einem solchen Zustand ist man sehr offen für Intuition. 

Unser Herz bleibt offen und wird leicht berührt. 

Eine tiefe Liebe schwingt in allem.

2.2. Die Wirkung der Achtsamkeit auf unseren Geist

Unsere fünf Sinne nehmen ununterbrochen wahr – das lässt sich nicht abschalten. Doch die entscheidende Frage ist, wo sich unser Bewusstsein befindet. 

Gurdjieff erklärt, dass bewusstes Wahrnehmen ein Geben und Nehmen erzeugt. 

Dadurch entsteht geistige Energie.

Die grobstofflichste Form der Energieaufnahme ist Nahrung, gefolgt vom Atem und schließlich von der bewussten Wahrnehmung. 

Diese Energie ist notwendig, um höhere Zentren in uns zu nähren.

Im Göttlichen Prinzip wird erklärt, dass ein Element von unserem Körper zu unserem Geist fließt. Dieses Element wird Vitalitätselement genannt und durch gute Taten erzeugt. Nur durch dieses Element ist geistiges Wachstum möglich – es ist eine Art Nahrung für unseren Geist. 

Möglicherweise ist die spirituelle Energie, von der Gurdjieff spricht, ein Aspekt dieses Vitalitätselements.

Aus Erfahrung kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass länger praktizierte Achtsamkeit dazu führt, dass das Geistige Gemüt aktiv wird.

Geistige Empfindsamkeit und Offenheit des Herzens sind die Folge.

Selbsterinnern als Vorstufe, uns der Präsenz Gottes bewusst zu werden

Gurdjieff spricht in diesem Zusammenhang vom Selbsterinnern. Dies geht über die Achtsamkeit der fünf physischen Sinne hinaus und öffnet den Zugang zum geistigen Bereich. 

Wir werden uns unseres Geistes bewusst, indem wir uns von Identifikationen lösen – sei es mit unseren Gedanken, Gefühlen, Selbstbildern oder letztlich allem, was wir tun und glauben zu sein.

Anders ausgedrückt: In diesem Zustand werden wir uns unseres wahren Selbst bewusst, das hinter dem Denken und Fühlen steht. 

Das Selbsterinnern führt letztendlich dazu, dass wir die Präsenz Gottes in diesem Moment gewahr werden.

Wie eine kleine Erleuchtung wurde mir diese Erkenntnis während eines Workshops bewusst, als ich eine Meditation anleitete. Sie hat mich zutiefst bewegt und beinahe emotional überwältigt.

Wenn wir mit unserem Bewusstsein in alle fünf Sinne gehen, sind wir dort, wo Gott ist – in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt. 

Das Einzige, was dann noch nötig ist, um Gottes Geist bewusst zu werden, ist, unsere geistige Empfindsamkeit zu öffnen.

2.3. Gymnastik als Achtsamkeitsübung

Eine für mich ganz wesentliche Achtsamkeitsübung ist die morgendliche Gymnastik vor der Meditation.  

Am Morgen ist unser Gemüt oft noch träumerisch. Manchmal laufen Träume weiter, oder es tauchen viele Gedanken und Bilder auf.  

Während meiner Körperübungen bringe ich mich auf sanfte Weise in einen achtsamen Zustand. Gedanken und Träume dürfen da sein – ich erde mich zunehmend in der körperlichen Wahrnehmung.

Natürlich könnte man sich auch sehr schnell in einen wachen Zustand bringen – etwa durch einen Adrenalinschub, wie ihn eine kalte Dusche auslösen kann. Das würde die Träumereien vertreiben und uns rasch in den Körper holen.  

Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile. 

Für mich ist die sanfte Methode stimmiger. Zum einen tue ich dabei genau das, was ich auch im Laufe des Tages – oder immer wieder im Alltag – übe: 

die geistige Fähigkeit zu kultivieren, mich selbst in einen achtsamen Zustand zu führen.  

Wir können uns nicht dauerhaft durch äußere Reize wie Adrenalinkicks im Körperbewusstsein halten. Irgendwann müssen wir lernen, dies aus eigener geistiger Kraft zu schaffen und aufrechtzuerhalten

Zum anderen finden im Gemüt am Morgen oft noch wichtige Verarbeitungs- und Klärungsprozesse statt, die ich nicht unterbrechen oder unterdrücken möchte.

Zwischen Willenskraft und Achtsamkeit: Der Weg zu nachhaltiger Veränderung

In meinen jüngeren Jahren habe ich hier viel mit Willenskraft gearbeitet. Durch Kampfsport, Disziplin und Fasten konnte ich einen klaren inneren Zustand erreichen. 

Doch ich habe dabei auch viele seelische Prozesse verdrängt. Das führte manchmal zu einem Jojo-Effekt: Phasen der Konzentration und Disziplin wechselten sich ab mit Zeiten, in denen das nicht mehr funktionierte.

In diesen Momenten wurden emotionale Bedürfnisse sehr stark – und es baute sich eine innere Abwehr gegen den überdisziplinierten Zustand auf.

Deshalb wurde es mir wichtig, einen sanften Weg zu finden. Einen Weg, auf dem ich mit meinem Gemüt in Kontakt bleibe und innere Prozesse nicht verdränge, sondern sie bewusst wahrnehme.  

Mit einer offenen, liebevollen Achtsamkeit – auch mir selbst gegenüber – habe ich tiefer und nachhaltiger etwas verändert.

Nach diesem Prinzip gestalte ich auch meine morgendlichen Körperübungen.  

Ich spüre zunächst einzelne, deutliche Körperempfindungen. Mein Inneres träumt oft noch, Bilder und Geschichten ziehen vorbei. Ich atme und spüre gleichzeitig meinen Körper. Manchmal verliere ich mich kurz in Gedanken oder in der Planung des Tages.

Dann kehre ich sanft zur Körperwahrnehmung zurück.

Bei Yoga- oder Dehnungsübungen versuche ich, alle Muskeln, die ich nicht aktiv brauche, bewusst zu entspannen. Mit jedem Ausatmen lasse ich unnötige Spannungen los und lasse mich etwas tiefer in die Dehnung sinken.  

Zwischen den Übungen gehe ich ein paar Schritte im Raum umher. 

Ich spüre meine Fußsohlen, meine Hände, das Gewicht meines Körpers, das ich dem Boden anvertraue.

Nach etwa 20 bis 30 Minuten bin ich ganz im Körper angekommen, wach und gegenwärtig. 

Dann beginne ich mit der Meditation.