3.1 Übergang von Meditation zu Gebet
Was ist der Unterschied zwischen Meditation und stillem Gebet, und wo liegt der Übergang?
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wenn jemand durch seine Meditation die Präsenz Gottes erlebt oder sogar die Einheit mit Gott erlangt – wie etwa Buddha –, hat er dann gebetet oder meditiert?
Man könnte dies anhand des Ziels der Meditation unterscheiden:
- Wer mit der Absicht, Gott zu begegnen, in eine Tiefenmeditation eintritt, kann dies als Gebet verstehen.
- Wer hingegen meditiert, um Stress abzubauen, würde dies eher als Meditation bezeichnen.
Die innere Haltung des Meditierenden oder Betenden scheint dabei entscheidend zu sein.
Wenn jemand seine Hingabe in die Tiefenmeditation als Hinwendung zu Gott und Ausdruck der Liebe zu Gott versteht, dürfen wir es sicher als Gebet bezeichnen.
Daher kann jemand, der Meditation als einen Weg zu Gott sieht, sie auch als stilles Gebet verstehen.
Allerdings besteht der Weg zu Gott nicht nur aus Gebet oder Meditation allein, sondern aus einem Leben in wahrer Liebe. Dazu gehören:
- Die Praxis der Nächstenliebe,
- Die Ausrichtung auf eine ethische Lebensweise,
- Eventuell auch Sakramente,
- Und nicht zuletzt die inneren Prozesse wie die Reinigung des Herzens.
Betrachten wir Gebet und Meditation als reine Methoden, dann können wir Praktiken, die direkt zum Gebet im Geiste führen, als Gebetsmethoden einordnen.
Für mich persönlich war das Herzensgebet aus der christlichen Tradition eine große Hilfe. Es unterstützte meine zuvor praktizierte Zen-Meditation, die ich bereits als vollständige Hingabe an Gott verstand, auf methodische Weise.
3.2. Das Gebet im Geiste
Die christlichen Glaubensväter bezeichnen das Gebet höherer Stufe, das über das gesprochene Gebet hinausgeht und ohne Gedanken oder Bilder stattfindet, als „Gebet im Geiste“ – ein Gebet, das zur ständigen Gottesgegenwart führt. Eine konkrete Form, die zum Gebet im Geiste führen kann, ist das Jesusgebet.
„Gebet im Geist“ (κατὰ πνεῦμα προσευχὴ)
- Der Ausdruck stammt aus der Bibel, insbesondere aus Epheser 6,18 („Betet allezeit im Geist“; griech. προσευχόμενοι ἐν παντὶ καιρῷ ἐν πνεύματι).
- Es bezeichnet ein Gebet, das nicht nur äußerlich, sondern mit dem inneren Menschen und in der Kraft des Heiligen Geistes geschieht.
Historisches
Das Jesusgebet wurde im 3. und 4. Jahrhundert in den ersten christlichen Klöstern Ägyptens entwickelt. Durch die ständige Wiederholung der kurzen Phrase („Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“) wird eine Sammlung des Geistes bewirkt. Dabei beriefen sich die Mönche auf 1. Thessalonicher 5,17 („Betet ohne Unterlass“).
Das Jesusgebet wurde vorwiegend in der Ostkirche praktiziert, insbesondere im Hesychasmus, einer mystischen Bewegung der Ostkirche. Später wurde es auch im Westen bekannt, besonders durch das Buch Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers (19. Jh.).
Herzensgebet
Das Jesusgebet wird oft synonym mit dem Herzensgebet verwendet und soll in die Tiefe des Herzens führen – ein Gebet, das direkt aus dem Herzen geschieht, ohne Gedanken und Vorstellungen. Es soll sich von einer zeitlich begrenzten Praxis zu einem Zustand entwickeln, in dem das Herz beständig betet – ein immerwährendes Gebet.
Das Herzensgebet ist methodisch nicht auf die feste Form des Jesusgebets beschränkt, sondern kann auch mit individuell gewählten Worten oder Sätzen praktiziert werden. Es ist also eine konkrete Gebetsform, die zum Gebet im Geiste führt – ein Zustand, in dem wir die Präsenz Gottes unmittelbar erleben. Es führt uns in den Nullpunkt-Zustand, der uns für die göttliche Gegenwart öffnet und uns zum Objekt Gottes werden lässt.
3.3. Was geschieht beim Herzensgebet?
Das Herzensgebet verwendet eine kurze Phrase, die im Rhythmus des Atems still im Geist gesprochen wird – ohne bildhafte Vorstellung und ohne darüber nachzudenken. Es ist ähnlich wie in einer Mantrameditation und kann als eine Form der Kontemplation verstanden werden. Kontemplation ist eine Meditation, die auf einen bestimmten Inhalt ausgerichtet ist.
Die Phrase kann zum Beispiel das Wort „Gott“ oder „Jesus Christus“ sein.
Die drei Phasen des Herzensgebets
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich mehrere Phasen unterscheiden:
1. Gedanke und Atemrhythmus
- Zu Beginn wird die gewählte Phrase bewusst im Rhythmus des Atems gedacht.
- Durch regelmäßige Wiederholung – beispielsweise über vier Wochen täglich 40 Minuten – beginnt sich der Prozess zu vertiefen.
2. Automatische Wiederholung
- Nach längerer Praxis scheint das Gebet sich von selbst zu sprechen.
- Es fühlt sich an, als würde der Atem das Mantra wiederholen.
- Der bewusste Gedanke tritt in den Hintergrund, und das Gebet entfaltet eine eigene Kraft.
3. Bewusstsein der göttlichen Präsenz
- Schließlich wird die Phrase selbst zu einem reinen Bewusstsein der göttlichen Gegenwart.
- Der Name Jesus Christus ist nicht mehr ein Gedanke, sondern eine unmittelbare Erfahrung seiner Präsenz.
- Etwas geschieht, das nicht aus einem selbst kommt – es öffnet sich ein geistiger Bereich.
- Die Atmosphäre verändert sich oft plötzlich: Es fühlt sich hell, leicht und voller Liebe an. Häufig wird das Herz tief berührt.
Das Mantra als Tor zur göttlichen Gegenwart
Das Gebet führt uns zum Bewusstsein dessen, was wir aussprechen – nicht durch Gedanken oder bildhafte Vorstellung, sondern als unmittelbare geistige Erfahrung.
Hier wirkt auch das Prinzip der Wiederherstellung durch Wiedergutmachung:
- Der Prozess erfordert Geduld und ein Durchleben der vorherigen Phasen.
- Erst nach einer gewissen Zeit wird die Gnade des Bewusstseins empfangen.
3.4. Ersetzt das Herzensgebet ein gesprochenes Gebet für andere?
Diese Frage wird öfter an mich heran getragen.
Franz Jalics, ein Jesuitenpater, der zu seiner Lebzeit vielen Menschen das Herzensgebet lehrte, reagierte auf diese Frage folgendermaßen: Er sah das kontemplative Gebet und den Menschen, der diesen Weg geht, auf einer anderen Stufe. Dies meinte er jedoch keineswegs wertend. Vielmehr betonte er, dass jemand, der diesen Weg beginnt, sich voll und ganz darauf einlassen und vertrauen sollte.
Das bedeutet in diesem Zusammenhang, das gesprochene Gebet zunächst auszusetzen. Alles, was zuvor durch das gesprochene Gebet bewirkt wurde, kann in einem direkteren Zugang zu Gott mit Sicherheit ebenso geschehen.
Also beim Übergang in den kontemplativen Weg: Das gesprochene Gebet zunächst aussetzen. So habe ich ihn verstanden.
Ich würde jedoch nicht so weit gehen, grundsätzlich zu empfehlen, das gesprochene Gebet ganz aufzugeben. Dennoch sehe ich es ähnlich: Im kontemplativen Gebet geschieht alles. Es ist ein Vertrauen in eine tiefere Kraft des Gebets jenseits bewusster Gedanken.
Ich möchte nun einige Fragen dazu reflektieren.
Hilft es Menschen, wenn wir lediglich über sie nachdenken?
Über jemanden nachzudenken ist noch kein Gebet. Wenn wir an jemanden denken, um den wir uns vielleicht sorgen, kann das dazu führen, dass wir mit der Person in Kontakt treten und aktiv etwas für sie tun.
Wenn wir jedoch lediglich nachdenken, uns Sorgen machen oder mögliche Lösungen für sein Problem suchen, ohne tatsächlich zu kommunizieren, glaube ich nicht, dass es der Person wirklich hilft.
Wie hilft ein gesprochenes Gebet?
In einem gesprochenen Gebet denken wir nicht nur nach, sondern öffnen uns für eine geistige Kraft, die über unser Denken hinausgeht. Wir sind möglicherweise bewusst bei diesem Menschen und senden ihm Liebe und Segen. Die Kraft des Gebets liegt meines Erachtens in dieser geistigen Verbindung.
Wichtig ist jedoch, wer betet und mit welcher inneren Haltung. Wie tief ist jemand selbst mit der geistigen Kraft verbunden? Wie nah ist er Gott, zu dem er betet?
Wenn wir emotionslos und ohne eigene geistige Grundlage einfach vor uns hinsprechen, dass jemand gesund werden soll, wird das wahrscheinlich keine besondere Wirkung haben. Haben wir jedoch ein intensives Gebetsleben und eine tiefe Herzensverbindung zu Gott, können wir sogar ohne Worte Segen senden.
Bestimmen unsere Wünsche und Gedanken, was Gott tut?
Einen wichtigen Gesichtspunkt möchte ich hier noch erwähnen: Wir können Gott nicht vorschreiben, was er zu tun hat – ebenso wenig, wie er eine Situation zu lösen hat. Das wäre anmaßend. Oft sind Gebete so konkret und fixiert, dass sie die Lösung bereits vorwegnehmen.
Ich habe in der psychologischen Beratung oft erlebt, dass sich Menschen auf eine bestimmte Lösung versteifen und sich damit selbst blockieren. Bessere und oft unerwartete Lösungen erscheinen meist erst dann, wenn wir unsere Fixierung aufgeben.
Natürlich ist es manchmal gut zu wissen, was man sich wünscht, und man darf das auch Gott mitteilen. Doch gleichzeitig sollten wir offenbleiben für seinen Willen. Am Ende meines Gebets steht daher meist: „Aber bitte lenke Du unser Leben und verändere uns, wie Du es willst. Dein Wille geschehe!“
Sehr häufig war ich im Nachhinein positiv überrascht, wie weise Gott gegen meinen vordergründigen Willen gewirkt hat. Auch meine eigene Veränderung hat mich erstaunt. Meine ursprünglichen Zielvorstellungen wären unrealistisch und weit weniger befreiend und beglückend gewesen.
Als Menschen fehlt uns oft die Weitsicht und Weisheit, um zu erkennen, was für jemanden wirklich das Beste ist. Deshalb bevorzuge ich offene Gebete – Liebe und Segen schenken, ohne die Form der Erfüllung zu bestimmen.
Wie geschieht dies im kontemplativen Gebet?
Im kontemplativen Gebet entsteht ein Gebet für andere oft von selbst. Wenn mir jemand wirklich am Herzen liegt – sei es aus Mitgefühl oder aus einem aufrichtigen Wunsch nach seinem Wohlergehen –, dann taucht dieser Mensch im stillen Gebet von allein in meinem Bewusstsein auf.
Ohne dass ich gedanklich etwas tun muss, sendet mein Herz Liebe und Segen zu dieser Person.
In dieser Geisteshaltung lässt sich das gar nicht vermeiden.
Schwieriger wird es, wenn wir für etwas oder jemanden beten wollen, zu dem wir keinen emotionalen Bezug haben. In diesem Fall bleibt die Möglichkeit, das Gebet bewusst zu widmen.
Dafür kann ich mir vor dem Gebet das Anliegen vergegenwärtigen und mich innerlich darauf ausrichten. Anschließend gebe ich mich mit aller Hingabe der inneren Zuwendung zu Gott hin und vertraue darauf, dass es wirkt.
Ein Beispiel dafür ist das folgende einstimmende Segensgebet, das ich morgens vor der Kontemplation spreche, um mein Gebet anderen zu widmen:
Segensgebet
Möge unser Leben und unsere Gebete Segen sein,
für unsere Ahnen,
für unsere Kinder,
für unsere Familien,
für unsere geistigen Kinder,
für all unsere Geschwister,
für unsere geliebten Wahren Eltern,
für die Menschen in Augsburg (unserer Region),
für alle Menschen und alle Wesen.
Möge die Sonne der Liebe für alle scheinen.