Teil 3: Die Praxis des inneren Weges
Stand 26.03.2025
Warum dieses Buch? Eine Lücke in der spirituellen Praxis
Nun kommen wir zum praktischen Teil des inneren Weges zur Einheit mit Gott.
Es gibt zahlreiche Bücher und Videos zur Einführung in die Meditation sowie vieles über das Herzensgebet und Achtsamkeit.
Was ich jedoch persönlich immer vermisst habe, ist eine konkrete Beschreibung des inneren Weges für Fortgeschrittene.
Während oft beschrieben wird, wie man mit der Meditation beginnt, fehlt es an Anleitungen dazu, wie man tiefere Zustände erreicht und wie die innere Transformation nach mehreren Jahren der Praxis geschieht.
Mit diesem Buch möchte ich genau diesen Leitfaden bieten.
Der grundlegende innere Prozess wurde bereits in Teil 2 beschrieben. Dieser dritte Teil soll eine praktische Ergänzung dazu sein.
Es gibt einige Punkte, an denen man auf diesem Weg stagnieren kann, selbst wenn die anfänglichen Schwierigkeiten längst überwunden sind. Hier möchte ich Orientierung geben, Hindernisse aufzeigen und Lösungsansätze anbieten.
Ein praxisorientierter Ansatz jenseits fester Traditionen
Ich selbst habe Zugang zu verschiedenen Meditationstraditionen gefunden, ohne mich an eine bestimmte zu binden. Für mich war es stets am wichtigsten, das dahinterliegende Prinzip zu verstehen und sicherzustellen, dass es funktioniert.
Diesen Fokus werde ich auch im Praxisteil beibehalten.
Ein Beitrag zur mystischen Praxis in der Vereinigungsbewegung
Da ich persönlich mit der Vereinigungsbewegung geistig verbunden bin – einer Bewegung, in der es bislang wenig mystische Praxis gibt –, möchte ich mit diesem Buch einen Vorschlag unterbreiten, wie eine solche Praxis aussehen könnte. Eine Praxis, die diesen Glaubensweg unterstützt und vertieft.
Für alle Suchenden: Ein strukturierter Leitfaden
Der Leitfaden ist ebenso für alle, die in einer anderen Religion verwurzelt sind oder als spirituell Suchende eine strukturierte Anleitung für einen inneren Weg wünschen.
1.1. Was die mystische Praxis beinhaltet
Die mystische Praxis, die ich vorstellen werde, umfasst folgende Praktiken:
- die Tiefenmeditation
- das Herzensgebet, das zum Gebet im Geiste führt
- die Praxis der Achtsamkeit während des Tages
Wie bereits mehrfach erwähnt, sehe ich diese Praktiken nur als den inneren Teil des Weges. Der Weg zu Gott endet nicht, sobald wir die Meditation beenden. Er ist ein Lebensstil, der sich auf Gott und spirituelles Wachstum ausrichtet. Nächstenliebe und die Liebe zur Umwelt sind untrennbar mit diesem Weg verbunden.
Über diese Wechselwirkungen habe ich bereits in Flow der wahren Liebe geschrieben.
1.2. Der Anfang mit Meditation
Bevor man mit der Meditation beginnt, steht die Motivation. Sie bleibt ein zentrales und fortwährend wichtiges Thema auf diesem Weg.
Da ich davon ausgehe, dass der Leser bereits eine eigene Motivation hat, um zumindest zu beginnen, setze ich direkt bei der ersten Praxis an und behandle das Thema Motivation später ausführlich.
Anfänger und Fortgeschrittene
Wenn ich Hinweise für Anfänger und Fortgeschrittene gebe, beziehe ich mich keineswegs auf unterschiedliche spirituelle Standards. Die geistige Reife eines Menschen hängt nur bedingt von seiner Meditationserfahrung ab.
Die Ebene, auf der man sich geistig befindet, ergibt sich vielmehr aus der Grundlage, mit der man geboren wurde, aus dem Maß, in dem man für das Wohl anderer gelebt hat, und aus der Liebe, die dieses Handeln motiviert hat.
Wenn ich also von Anfängern und Fortgeschrittenen spreche, bezieht sich das ausschließlich auf die Erfahrung in der Meditationspraxis.
Ich selbst mag etwas Meditationserfahrung besitzen, befinde mich jedoch oft in der Situation, Menschen in die mystische Praxis einzuführen, die geistige Dimensionen über mir stehen.
Zudem ist es wichtig, dass auch vermeintlich Fortgeschrittene einen Anfängergeist bewahren, um nicht zu stagnieren.
Sobald wir uns in der Praxis sicher fühlen, steht die nächste Stufe bevor, auf der wir wieder von Null beginnen. In diesem Sinne sind wir alle Anfänger und Suchende auf dem Weg zu Gott. Vor Gott machen 20 Jahre mehr oder weniger Meditation keinen großen Unterschied.
Ab wann man als fortgeschritten gilt, lässt sich schwer anhand einer festen Zeit bestimmen. Um eine grobe Orientierung zu geben, könnte man etwa drei Jahre regelmäßige Meditation von 30 Minuten als Richtwert nehmen. In diesem Zeitraum beginnen die Veränderungen allmählich stabil zu werden. Erfahrungen, die ich in der Phase der Vertiefung angesprochen habe, treten ein.
Es ist jedoch nicht notwendig, sich strikt einzuordnen. Nimm einfach die Hinweise auf, die für dich am besten passen
1.3. Das Prinzip der Übung als Vorbereitung
Die mystische Praxis soll uns auf die himmlischen Gnadengaben vorbereiten. Das Zentrale ist die Haltung – die Reinheit und Offenheit unseres Herzens. Dorthin führt der innere Weg.
Dies erfordert zunächst, einen eigenen Zugang zu dieser Ebene unseres Wesens zu finden.
Ganzheitliche Vorbereitung
Die Vorbereitung ist jedoch nicht auf unser Herz begrenzt, sondern umfasst unser gesamtes Wesen – Körper, Psyche und Geist. Es handelt sich um eine Praxis, die zur Einheit unseres ganzen Wesens führt, das vom innersten Wesenskern geleitet ist.
Aspekt der Übung
Im Buddhismus werden Meditation und Achtsamkeit oft als Übung bezeichnet. Im Christentum hingegen ist es eher unüblich, das Gebet als Übung zu verstehen.
Im Grunde vereint das Gebet jedoch beide Aspekte:
Wir bereiten uns mit Körper, Psyche und Geist auf die Begegnung mit Gott vor – das ist der Übungsaspekt – und zugleich wenden wir uns mit unserer ganzen Hingabe Gott zu – damit wird jedes Gebet auch zu einem mystischen Ereignis.
Wo die Übung endet
Wenn wir in einen tieferen Zustand eintreten, beginnt die Gnade zu wirken. An diesem Punkt dürfen wir die Übung loslassen und uns mit der Kraft des realen Geistes im gegenwärtigen Moment mittragen lassen.
Hier zählt nur noch die mystische Erfahrung in der Gegenwart. Wir überlassen uns vollständig dem göttlichen Geschehen.
Die Stufen der inneren Vorbereitung
Die Praxis beginnt meist mit äußeren Übungen, die uns Schritt für Schritt nach innen führen. Sie bereiten jene Aspekte vor, die in der Erfahrung der Gnade wirksam werden:
- Sich erden
- Sich sammeln
- Defokussieren – in die Weite öffnen
- Das spirituelle Herz wahrnehmen
- Nach innen gehen
Für jeden dieser Aspekte gibt es eine entsprechende Übung.
Irgendwann geschieht alles gleichzeitig – dies ist der Zustand, den wir selbst vorbereiten können, um der Gnade Raum zu geben.
Dann nimmt uns die Gnade mit in die mystische Erfahrung.
1.4. Überlegungen zur Sitzpositionen
Die erste Überlegung betrifft die Sitzposition, in der wir meditieren.
Grundsätzlich kann man in jeder Körperhaltung Erleuchtung oder die Resonanz mit dem Heiligen Geist erfahren – beim Gehen, im Sitzen oder sogar liegend in einer Hängematte.
Mystische Erfahrungen sind geistige Zustände, die in jeder Lebenssituation eintreten können.
Eine unterstützende Sitzhaltung finden
In unserer täglichen Übungs- und Gebetspraxis sollten wir jedoch eine geeignete Sitzposition für uns finden.
Es geht darum, eine Körperhaltung auszuwählen, die uns am besten unterstützt.
Es gibt zahlreiche Bücher und Videos zu diesem Thema, daher werde ich die Sitzhaltungen nicht im Detail beschreiben. Ich empfehle stattdessen, sich einige Videos anzusehen und verschiedene Positionen auszuprobieren.
Grundlegende Überlegungen zur Sitzhaltung
Das Ziel der Sitzhaltung ist in erster Linie, während der Meditation möglichst schmerzfrei sitzen zu können. Zudem sollte ein guter Kontakt zum Untergrund bestehen, um ein Gefühl der Erdung zu erlangen.
Optimal ist es, wenn die Hüfte leicht nach vorne gekippt werden kann, da dies das Aufrichten des Rückens erleichtert. Das geschieht, sobald sich die Knie unterhalb der Hüftgelenke befinden. Der Oberkörper sollte möglichst aufrecht und entspannt sein.
Auf die Haltung der Hände im Gebet werde ich später gesondert eingehen.
Die traditionelle Sitzhaltung im Lotussitz gilt als ideale Position für die Meditation: Der Unterkörper ist stabil und mit der Erde verbunden, während der Oberkörper aufrecht und beweglich wie ein Grashalm bleibt.
Eine gute Alternative ist der Kniesitz. Hier liegen die Fußrücken und Unterschenkel auf dem Boden, die Knie sind abgewinkelt, und man sitzt auf einem Meditationskissen in passender Höhe.
Ebenso ist es möglich, auf einem Stuhl zu meditieren.
Wenn die Tradition zur Hürde wird
Ich selbst habe den größten Teil meines Lebens im Viertel- oder halben Lotussitz meditiert. Über mehrere Jahre hatte ich jedoch schwere Rückenprobleme und bekam nach zehn Minuten Kopfschmerzen.
Da ich aus der Zen-Tradition kam, hielt ich starr an dieser Sitzhaltung fest und war überzeugt, dass andere Positionen ungeeignet seien. Diese Fixierung führte letztlich dazu, dass ich lange nicht richtig meditieren konnte.
Irgendwann waren dann meine Menisken gerissen, und ich musste entscheiden, ob ich auf dem Sitzkissen meditiere oder schmerzfrei gehen will. Ich entschied mich für das schmerzfreie Gehen und versuchte, auf einem Stuhl zu meditieren.
Anfangs war ich frustriert, weil es sich ungewohnt anfühlte. Die Sitzhaltung auf dem Kissen war für mich wie ein Anker, der mich sofort in eine andere Geisteshaltung brachte. Auf einem Stuhl hingegen fühlte es sich an wie im gewöhnlichen Alltag.
Mit der Zeit lernte ich jedoch zu schätzen, dass ich schmerzfrei sitzen konnte und nicht mehr von körperlichen Beschwerden abgelenkt wurde. Tatsächlich erlebte ich auf dem Stuhl meine tiefsten Meditationen – sogar im Stehen und während der Gehmeditation.
Daher bin ich heute dankbar, nicht an eine strikte äußere Tradition gebunden zu sein.
Das Flow-Phänomen in der Körperhaltung
Körperhaltung und Geisteszustand stehen in einer wechselseitigen Verbindung.
Im Zen wird durch die ideale Körperhaltung versucht, den gewünschten Geisteszustand zu unterstützen.
Es gibt jedoch eine andere Herangehensweise, die sich am Flow-Prinzip orientiert. Sie kehrt das Prinzip gewissermaßen um:
Wenn ich in die gewünschte Geisteshaltung komme, wird mein Körper von selbst nach der passenden Sitzhaltung suchen.
Dabei geht es darum, die im Moment stimmige Sitzhaltung einzunehmen – mit Respekt für das aktuelle Empfinden. Wenn ich mich bedrückt oder müde fühle, darf auch mein Körper entsprechend sitzen.
Bleibe ich achtsam bei meinem Körper und meinem emotionalen Zustand, verändert sich dieser allmählich. Der Atem, anfangs vielleicht flach, wird tiefer. Verspannungen lösen sich, Energie wird frei, und der Körper findet von selbst eine gesunde Körperspannung sowie die ideale Haltung.
Diese Herangehensweise hat mir persönlich mehr geholfen als die aus dem Zen.
Meine Empfehlung
Orientiere dich an der traditionellen Sitzhaltung und finde heraus, welche dich am besten in deiner Meditation unterstützt. Wenn es schwierig ist, probiere das Flow-Prinzip aus und entdecke, was für dich am besten funktioniert.
1.5. Das Sich-Erden in der Meditation
In den ersten Minuten der Meditation beginnen wir bewusst, uns zu erden.
- Zunächst spüren wir den Kontakt zur Unterlage – den Druck des Sitzkissens, der Stuhlfläche und der aufliegenden Beine und Füße.
- Dann geben wir unser gesamtes Körpergewicht an die Unterlage ab. Wir nehmen das Gewicht wahr und lassen es nach unten sinken.
- Gleichzeitig lösen wir Spannungen in den oberen Bereichen des Körpers. Sobald wir eine Spannung bemerken, können wir sie bewusst loslassen.
- Mit jedem Ausatmen lassen wir das Gewicht und die Energie nach unten fließen.
Mit etwas Übung genügt es, das Sinken des Gewichts zuzulassen – der Körper übernimmt den Rest von selbst. Nach einer Weile sollten wir einen stabilen Kontakt zum Untergrund spüren, während sich der obere Bereich des Körpers leicht anfühlt.
Hara entwickeln
Im Zen gibt es verschiedene Übungen, um das Hara zu entwickeln. Es handelt sich dabei um ein Nervengeflecht und Energiezentrum, etwa eine Handfläche unterhalb des Bauchnabels. Hier sollte der Körperschwerpunkt liegen.
Dadurch wird das Bewusstsein vom Kopf in den Körper gebracht. Gleichzeitig stabilisieren wir uns körperlich, um uns oben für den geistigen Bereich öffnen zu können. Eine gute Erdung verhindert zudem, dass wir uns verfrüht geistig öffnen.
Ein zentrales Prinzip der Hara-Übungen ist es, beim Ausatmen die Energie nach unten sinken zu lassen.
Mehr braucht es meiner Meinung nach nicht.
Spezielle Übungen sollten jedoch nur unter Anleitung eines Zen-Meisters praktiziert werden. Dabei geht es unter anderem darum, Energie im Hara zu zentrieren. Ich selbst habe dabei eine erhöhte Spannung im Unterbauch entwickelt – ein Bereich, in dem ich ohnehin zu viel Spannung habe. Das hat meine gesundheitlichen Probleme im Darmbereich verstärkt.
Das Fundament der Meditation: Erden lernen
In der Anfangszeit müssen wir das Erden bewusst üben, um es zu verinnerlichen. Es kann sinnvoll sein, sich während der gesamten Meditation über mehrere Wochen hinweg vorwiegend auf das Erden zu konzentrieren.
Später beginnt dennoch jede Meditation immer zuerst mit dem Erden, unabhängig davon, wie fortgeschritten man ist.
1.6. Wie lange bei einer Übung bleiben?
Wenn wir einen bestimmten Aspekt entwickeln und ihm eine Übung widmen, sollten wir dieser ausreichend Zeit geben. Es dauert etwa sechs Wochen, bis der Körper etwas zur Gewohnheit macht.
Oft neigen wir dazu, zu früh etwas Neues auszuprobieren.
Wechseln wir bereits nach zwei Wochen die Übung, verlieren wir meist den Fortschritt, weil die Erfahrung nicht tief genug gegangen ist. Deshalb ist es sinnvoll, solchen Prozessen eine längere Zeitspanne zu widmen z.B. ein halbes Jahr.
Sechs Wochen sollten dabei das absolute Minimum sein.
1.7. Sich sammeln
Sich zu sammeln ist das Wesentliche, was in der Meditation geschieht. Es bedeutet, von einem zerstreuten Zustand in ein bewusstes Da-Sein zu kommen. Dies führt uns in Richtung des Nullpunkt-Zustands.
In den ersten Monaten, vielleicht sogar Jahren, sind wir in der Meditation vor allem damit beschäftigt, die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Hier findet die entscheidende Veränderung statt – eine Vorbereitung auf alles Weitere.
Dazu habe ich bereits ausführlich in "Teil 2: 2.2. Phase 1 – Der Anfang" geschrieben. Zur Auffrischung der Motivation kann es hilfreich sein, diese Punkte noch einmal zu lesen.
Dranbleiben – auch wenn es lange dauert
Es kann sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlen, bis wir erste Momente der Stille erfahren.
Doch das ist kein Grund zur Sorge. Wir können gewiss sein, dass eine stetige innere Veränderung stattfindet. Zudem entwickeln wir in dieser Phase Geduld und lernen, dranzubleiben.
Wie wir uns sammeln
Sich zu sammeln geschieht von selbst, wenn wir das Objekt der Meditation über eine unbestimmte Zeit nicht aus dem Bewusstsein verlieren.
Als Meditationsobjekt kann man den Atem wählen oder deutliche Körperempfindungen – etwa den Druck des Untergrunds, auf dem wir sitzen, oder die Berührungspunkte der Fingerspitzen.
Verlieren wir uns in Gedanken und bemerken es, kehren wir einfach zum Meditationsobjekt zurück.
Das ist im Grunde alles, was zu tun ist.
1.8. Defokussieren – in die Weite öffnen
Dieser Aspekt fehlt oft in Meditationseinführungen. Man könnte sagen, dass hier bereits die Anleitung für Fortgeschrittene beginnt. Doch auch für Anfänger ist es wertvoll, sich dessen bewusst zu sein und frühzeitig mit dem Defokussieren zu beginnen.
Meditation ist keine Konzentrationsübung. Zwar benötigen wir anfangs Konzentration, um in einen meditativen Zustand zu gelangen, doch Meditation selbst ist offene und weite Achtsamkeit.
Wenn wir unser Bewusstsein in die Weite führen, beginnen wir, Gott zu erahnen.
Übung: Visuelles Defokussieren
Was Defokussieren bedeutet, lässt sich am visuellen Sinn leicht erfahren:
- Halte beide Zeigefinger mit gestreckten Armen vor dich.
- Fokussiere deinen Blick auf die Fingerspitzen.
- Bewege die Arme langsam zur Seite, bis sie rechts und links neben deinem Körper sind.
- Versuche während der Bewegung, beide Zeigefinger weiterhin im Blick zu behalten.
Dafür musst du deinen Blick zunehmend defokussieren. Am Ende sind die Finger nur noch am Rand deines Sichtfeldes – genau diese Weite der Wahrnehmung ist das Ziel.
Diesen Ansatz übertragen wir nicht nur auf den visuellen Sinn, sondern auch auf das Fühlen und auf die Gesamtheit aller Sinne.
Defokussieren bedeutet, nicht nur einzelne Empfindungen wahrzunehmen, sondern sich der Gesamtheit aller Sinneseindrücke bewusst zu werden. Dies führt uns zu einer allumfassenden Achtsamkeit im Hier und Jetzt.
Hier öffnet sich später die Sensitivität für den spirituellen Bereich.
Wie funktioniert das praktisch in der Meditation?
In der Meditation können wir beginnen, neben unserem Meditationsobjekt eine weitere Wahrnehmung gleichzeitig zu beachten. Zum Beispiel spüren wir sowohl die Berührung der Fingerspitzen als auch die Atmung. Dann nehmen wir eine dritte Empfindung hinzu – etwa den Druck des Untergrunds.
Nach und nach erweitern wir unser Bewusstsein: Wir spüren den Untergrund, die Fingerspitzen, die Atembewegung, hören ein Geräusch, bemerken einen Gedanken oder ein inneres Bild.
Alles gehört zum Da-Sein in diesem Moment.
Durch das Defokussieren erfassen wir schließlich alle körperlichen Empfindungen gleichzeitig, hören, was zu hören ist, und nehmen selbst subtile visuelle Eindrücke bei geschlossenen Augen wahr.
Mit der Zeit dehnt sich unser Bewusstsein weiter aus – zunächst auf den Raum um uns herum, später auch in den geistigen Bereich.
Im Grunde würde dies auch ohne Übung von selbst geschehen, wenn wir lange genug meditieren. Indem wir dies bereits in der Meditation üben, bereiten wir uns auf diese Veränderungen vor.
1.9. Lösungsansätze, wenn wir uns häufig in Gedanken verlieren
Wenn wir uns während der Meditation oft in Gedanken verlieren, können wir verschiedene Lösungsansätze und Hilfsmittel ausprobieren.
1. Mental Pointing / Noting
Mental Pointing oder mentales Benennen (Noting) stammt aus der Vipassana-Tradition. Dabei benennen wir das mentale Geschehen, z. B. Denken, Planen, innere Dialoge, Rechtfertigen, Träumen vom Urlaub, Sorgen machen. Dies geschieht nicht laut, sondern nur in Gedanken.
Durch das Benennen von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen schaffen wir eine distanzierte Wahrnehmung, sodass das Bewusstsein nicht von ihnen vereinnahmt wird.
Das Benennen sollte neutral und kurz erfolgen, ohne sich weiter mit dem Inhalt zu beschäftigen.
Eine weitere Vertiefung besteht darin, sich der Stimmung bewusst zu werden, mit der wir die Benennung aussprechen. Manchmal tun wir dies nicht neutral, sondern genervt, ärgerlich, selbstmitleidig oder traurig.
Dadurch erkennen wir tiefere emotionale Schichten, die hinter den Gedanken liegen.
2. Die dahinterliegenden Gefühle wahrnehmen
Wie bereits erwähnt, sind hinter wiederkehrenden Gedanken oft Gefühle das antreibende Feuer. Wir können bewusst versuchen, die Stimmung oder Atmosphäre wahrzunehmen, die hinter den Gedanken liegt.
Unser Bewusstsein gezielt auf diese tiefere Wahrnehmungsebene zu lenken, ist ein eleganter Weg, sich aus der Dominanz der Gedanken zu lösen.
Auch körperliche Empfindungen wie Schmerzen oder Verspannungen enthalten häufig emotionale Komponenten. Zudem können negative Empfindungen Ablehnung hervorrufen, die wiederum neue Gefühle auslöst.
Wenn wir all diese Ebenen nach und nach bewusst wahrnehmen, entwickeln wir eine umfassendere Achtsamkeit.
3. Hingabe an diesen Moment
Wenn wir uns ständig in Gedanken verlieren, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass wir nicht achtsam sind.
Doch genau hier liegt die stärkste Waffe gegen die Dominanz der Gedanken:
die völlige Hingabe an den gegenwärtigen Moment.
Oft treiben uns unangenehme Gefühle, die wir unbewusst vermeiden wollen, in endlose Gedankenschleifen. Wenn wir uns jedoch bewusst und mit voller Präsenz in die reine Wahrnehmung begeben, kann dieser Mechanismus durchbrochen werden.
Hier können wir auch unsere Bereitschaft prüfen, das Unangenehme wirklich zu fühlen.
Vielleicht braucht es einen neuen Versuch, alles zuzulassen und zu akzeptieren was ist.
1.10. Wie oft und wie lange meditieren?
Wenn wir uns vornehmen, regelmäßig zu meditieren, stellt sich die Frage nach den Meditations- oder Gebetszeiten und deren Dauer. Dazu möchte ich einige Anhaltspunkte geben.
Zu Beginn spielt die Dauer eine untergeordnete Rolle.
Wichtiger ist es, überhaupt anzufangen und die Meditation regelmäßig in den Alltag zu integrieren. 10 bis 12 Minuten sind ein sinnvoller Einstieg. Wer etwas mehr machen kann, sollte erwägen, zweimal täglich zu meditieren – das ist anfangs oft wirkungsvoller als eine einzelne 20-minütige Sitzung.
Mit der Zeit ist es ratsam, die Meditationsdauer auf mindestens 20 bis 25 Minuten auszudehnen.
Zehn Minuten lang ist es möglich, die Gedanken mit starker Konzentration stillzuhalten. Viele Anfänger gehen mit großer Konzentration in die Meditation, doch nach etwa 15 Minuten lässt diese nach, und sie werden erst dann richtig mit ihren Gedanken konfrontiert – hier beginnt der eigentliche Prozess.
Wer hingegen mit weniger Konzentration startet, wird bereits zu Beginn von Gedanken durchströmt. Nach etwa 15 bis 20 Minuten beginnt sich das Geschehen jedoch von selbst zu beruhigen. Daher ist eine Meditationszeit von 25 Minuten eine gute Orientierung.
Das Bedürfnis, länger zu meditieren, entwickelt sich meist von selbst.
Ich persönlich habe meine Meditationsdauer verlängert, weil ich oft erst gegen Ende der Sitzung in einen besseren Zustand kam – etwas hatte sich geöffnet oder war ruhiger geworden. Ich wollte diese positiven Zustände länger erleben und habe so die Zeiten allmählich ausgedehnt.
Wann meditieren?
Grundsätzlich ist eine gute Zeit für die Meditation morgens vor dem Frühstück.
So beginnt man den Tag in einem besseren inneren Zustand. Wenn das nicht möglich ist, kann die Meditationszeit auf den Abend vor dem Schlafengehen verlegt werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, nach der Arbeit bewusst innezuhalten und eine Meditation einzulegen.
Für mich persönlich ist es wesentlich, mich morgens durch Körperübungen wie Yoga auf die Meditation vorzubereiten.
Diese Übungen helfen mir, langsam aus dem Traummodus herauszukommen. So bin ich bereits in einem achtsamen Zustand, wenn ich den Meditationsraum betrete.
Eine schöne Möglichkeit ist es, sich einmal pro Woche einen Meditationsabend einzurichten. Dafür kann man eine lokale Gruppe suchen oder selbst Menschen einladen.
Hinweis für Fortgeschrittene
Wenn du schon länger meditierst und dich fragst, wie lange eine sinnvolle Meditationszeit ist, kann ich Folgendes dazu sagen:
Ein Fehler, den ich selbst gemacht habe, war, mir zu wenig Zeit für das Gebet zu nehmen.
Ich dachte, 15 bis 30 Minuten am Tag würden genügen. Doch wenn wir eine tiefgreifende innere Veränderung anstreben, müssen wir mehr Zeit investieren. Das wirft natürlich die Frage nach den Prioritäten im Leben auf – denn um Raum für das Gebet zu schaffen, müssen wir womöglich auf andere Dinge verzichten.
Irgendwann wurde das Gebet für mich zur wichtigsten Handlung meines Lebens. Durch die bewusste Neuordnung meiner Prioritäten gewann ich viel Zeit, die ich dem Gebet widmen konnte.
In der Zeit, als wir unser Haus selbst sanierten, arbeitete ich tagsüber, um Geld zu verdienen, zog danach direkt meine Handwerkerkleidung an und arbeitete am Haus weiter. Und dennoch fand ich täglich Zeit für zwei Stunden Yoga und Gebet.
Gebet und Meditation machen uns nicht nur innerlich reicher, sondern auch leistungsfähiger und zufriedener.
Gebetszeit und Achtsamkeit während des Tages
Irgendwann geht es nicht mehr nur um die Dauer der Meditation, sondern darum, wie lange du im Alltag achtsam bleiben kannst. Beides steht in Wechselwirkung. Wenn du also versuchst, über längere Zeiträume hinweg achtsam zu sein, brauchst du eine stabile Grundlage.
Für mich sind das etwa eine Stunde Meditation pro Tag.
Längere Sitzungen fallen mir schwer, daher verteile ich sie auf den Tag: morgens 30–40 Minuten, abends je nach Energie 20–40 Minuten. Es gibt Menschen, die gerne mehrere Stunden meditieren – wenn es für sie stimmig, ist das großartig.
Für mich ist es wichtiger, die Achtsamkeit in den Alltag zu integrieren.
Deshalb überschreite ich selten eine Gesamtzeit von 60 bis 80 Minuten. Stattdessen gehe ich lieber achtsam spazieren, sitze still im Garten oder erledige einfache Arbeiten in bewusstem Gewahrsein.
Wie sich aus diesen achtsamen Phasen ein Gebet entwickelt, erzähle ich in einem späteren Kapitel.
Manchmal wache ich in der Nacht auf und spüre den Ruf, in ein tiefes Gebet zu gehen. Dann folge ich dem Impuls und gehe in meinen Meditationsraum oder mache einen Spaziergang im Park.
1.11. Gehmeditation
Gehmeditation existiert in vielen Traditionen und in unterschiedlichen Formen. Oft dient sie als Pause zwischen zwei Meditationssitzungen, um die Beine zu vertreten.
In einem Soto-Zen-Tempel in Japan habe ich eine sehr langsame Form der Gehmeditation kennengelernt. Auch dort wurde sie zwischen den Zazen-Sitzmeditationen praktiziert.
Meditation im Gehen: Eine unterschätzte Praxis
Oft wird die Gehmeditation nur als Alternative zur Hauptform, dem Sitzen, betrachtet. Lange hielt ich das Sitzen ebenfalls für die beste Methode, um tiefe meditative Zustände zu erreichen.
Für mich ist die Gehmeditation mehr als nur eine Abwechslung zur Sitzmeditation geworden – sie zählt zu meinen Hauptmeditationsformen.
Meist beginne ich im Sitzen und wechsle nach 20 bis 30 Minuten in die Gehmeditation. Das kommt auch meinem in die Jahre gekommenen Körper entgegen, für den langes Sitzen schmerzhaft werden kann.
Mein Grundsatz lautet: Die äußere Form soll den inneren Prozess bestmöglich unterstützen.
Bewegung in der Meditation
Im Zen gibt es eine Regel, dass man sich während der Meditation nicht bewegen soll.
Einer der Gründe ist, konditionierte Bewegungen – wie das reflexhafte Kratzen bei Juckreiz – zu unterbinden. Statt impulsiv zu reagieren, soll man das Jucken bewusst wahrnehmen, ohne sich zu bewegen.
Dasselbe gilt für das ständige Nachjustieren der Sitzhaltung, weil man denkt, es sei noch nicht angenehm genug oder optimal. Solche kleinen Anpassungen können die Meditation stören.
Doch auch Zen-Mönche bewegen ihre Atemmuskulatur beim Meditieren.
Die Atembewegung ist eine unbewusst gesteuerte, gleichmäßige und rhythmische Bewegung. Diese Art von Bewegung unterstützt uns bei der Meditation und ist keineswegs störend.
Ähnlich kann auch langsames, rhythmisches Gehen – synchron mit dem Atemrhythmus – eine unterstützende Bewegung werden.
Entscheidend ist, dass sie so geübt wird, dass sie ohne Anstrengung fließt. Es dauert mehrere Wochen, bis der Körper die Bewegung unbewusst übernimmt und sie nahtlos mit dem Atem harmoniert.
Dann stört sie die Meditation nicht mehr.
Meine persönliche Form der Gehmeditation
Ich habe für mich eine Gehmeditation entwickelt, die mich in tiefe Zustände führt. Sie folgt keiner strikten äußeren Form wie im Zen, sondern ist lediglich ein sehr langsames Gehen im Atemrhythmus.
Beim Einatmen mache ich mit dem linken Fuß einen winzigen Schritt – nur wenige Zentimeter. Weil das Ausatmen deutlich länger dauert und uns tiefer in die Meditation führt, lasse ich währende des Ausatmens mein ganzes Gewicht auf dem rechten Fuß nach unten sinken.
In der Zen-Version hebt man den Fuß beim Einatmen und setzt ihn beim Ausatmen wieder ab. Die Schrittlänge beträgt eine halbe Fußlänge, sodass man mit einem vollständigen Atemzug nur einen Schritt macht.
Deine eigene Form finden
Ich bin kein Freund strikter äußerer Formen, da jeder Körper anders reagiert. Entscheidend ist, das Prinzip zu verstehen und die Form zu finden, die einen persönlich am besten in der Meditation führt.
Wenn du deine eigene Methode suchst, kann es sinnvoll sein, die Zen-Version auszuprobieren. Sie basiert auf der langjährigen Erfahrung von Zen-Meistern und bietet eine bewährte Grundlage für die Gehmeditation.
1.12. Umgang mit Schmerz und unangenehmen Empfindungen
Wir wollen uns nun damit beschäftigen, wie wir sinnvoll mit Schmerzen und allen unangenehmen Empfindungen umgehen, die uns in der Meditation widerfahren.
Dabei sind einige Unterscheidungen zu treffen.
Vermeidbare und unvermeidbare Schmerzen
Die erste Unterscheidung, die wir treffen sollten, ist, ob das Unangenehme vermeidbar oder unvermeidbar ist.
Schmerzen und unangenehme Empfindungen durch die Sitzhaltung
Das betrifft insbesondere körperliche Schmerzen, die aus der Sitzhaltung resultieren. Unser Ziel sollte es sein, eine für uns geeignete Haltung zu finden, die es ermöglicht, länger schmerzfrei zu sitzen.
Wer bewegungslos auf dem Boden sitzt, wird nach etwa 30 Minuten nicht alle unangenehmen Empfindungen vermeiden können. Wenn du dennoch das Gefühl hast, dass diese Sitzposition dich am besten unterstützt, kannst du einen gewissen Schmerz als unvermeidbar einordnen.
In meinem Fall saß ich täglich 90 Minuten im halben Yogasitz – mit gerissenen Menisken. Während der Meditation war das noch erträglich, aber auf Dauer gesundheitsschädlich.
Spätestens wenn der Körper Schaden nimmt, ist es Zeit, eine andere Sitzhaltung zu finden.
Allerdings ist es am Anfang normal, dass sich der Körper erst an eine neue Sitzhaltung gewöhnen muss. Dabei geht es darum, die richtige Körperspannung zu finden und unnötige Muskelanspannung loszulassen. Dieser Anpassungsprozess kann Wochen bis Monate dauern und anfangs ebenfalls unangenehme Empfindungen verursachen, die später verschwinden.
Letztlich musst du für dich selbst entscheiden, was du als vermeidbar oder unvermeidbar einordnest.
Unangenehme Zustände als Spiegel des Lebens
In der Meditation begegnen uns vorübergehend auch unangenehme Zustände, Gefühle, Energien und körperliche Empfindungen. Manchmal sind diese ein Hinweis darauf, dass etwas in unserem Leben nicht im Gleichgewicht ist – dann sollten wir nach Wegen suchen, dies auszugleichen.
Wenn wir ständig mit Müdigkeit kämpfen, kann es sinnvoll sein, mehr zu schlafen. Wenn wir Schwierigkeiten haben, ruhig zu sitzen, weil wir den ganzen Tag im Büro verbringen, sollten wir überlegen, ob unser Körper mehr Bewegung braucht.
Vieles von dem, was wir in der Meditation erleben, bleibt jedoch unvermeidbar.
Geistige Zustände und geistige Lösungen
Während der Bauphase unseres Hauses war ich abends bei der Meditation immer müde. Die einzigen Alternativen wären gewesen, den Bauprozess zu stoppen oder abends nicht zu meditieren. Also entschied ich mich, trotz der Müdigkeit weiterhin zu meditieren – mal mehr, mal weniger kämpfend. Manchmal bestand die Meditation nur noch darin, nicht einzuschlafen.
Eines Abends war es besonders schlimm. Ich machte eine Gehmeditation mit meinem Mantra.
Plötzlich spürte ich sehr intensiv eine Energie von unten durch meine Beine strömen – und ich war schlagartig hellwach.
Solche Phänomene zeigen, dass auch hinter einer natürlich erklärbaren Müdigkeit geistige Kräfte wirken können – sowohl positive als auch negative.
Asketischer Aspekt
Gegen Müdigkeit anzukämpfen ist sicher eher eine asketische Praxis als ein Gebet. Man könnte stattdessen auch fasten oder etwas Ähnliches tun. Asketische Praktiken können das geistige Voranschreiten unterstützen.
Wie viel Askese du einsetzt, liegt ganz bei dir.
Müdigkeit als geistige Herausforderung
Wichtig ist, im Blick zu behalten, dass es auch eine geistig bedingte Müdigkeit gibt. Diese lässt sich durch noch so viel Schlaf nicht beheben.
Buddha zählte die Müdigkeit zu den fünf geistigen Haupthindernissen auf dem Weg zur Erleuchtung. Sun Myung Moon betonte oft, dass das Überwinden von Essen, Schlaf und Sexualität zu den zentralen geistigen Kämpfen gehört.
Wenn du eigentlich ausreichend ausgeruht bist und trotzdem während der Meditation ständig mit Müdigkeit kämpfst, solltest du dich achtsam damit auseinandersetzen – und nicht gleich aufgeben.
Mit der Zeit entwickelst du ein Gespür dafür.
Die geistigen Herausforderungen, die uns begegnen, können von Person zu Person sehr unterschiedlich sein.
Unwohlsein als Vorreiter der Gnade
Ich habe häufig erlebt, dass ich mich zu Beginn der Meditation sehr unwohl fühle. Der ganze Körper ist verspannt, fast schmerzhaft.
Am liebsten würde ich aufstehen und abbrechen.
Doch ich kenne diese Zustände gut und weiß, dass sie sich fast immer während der Meditation auflösen.
Am Ende fühle ich mich dann körperlich und geistig sehr gut.
Dieses Unwohlsein verschwindet oft kurz vor einem Durchbruch im Gebet.
Mit „Durchbruch“ meine ich zum Beispiel, dass sich innerlich etwas öffnet und plötzlich eine leichte, helle, liebevolle Atmosphäre mich umgibt.
Solche Phänomene zeigen deutlich, dass es sich um geistig-energetische Vorgänge handelt.
Emotionale Wiedergutmachung
Ähnliches erlebe ich auch bei emotionalen Herausforderungen. Wenn es mir emotional nicht gut geht – wenn ich aufgewühlt bin, von Ängsten oder anderen negativen Gefühlen geplagt werde – lösen sich diese oft während der Meditation oder werden zumindest spürbar leichter.
Häufig hängen solche Zustände mit äußeren Lebensereignissen zusammen. Es gibt Tage, an denen scheinbar nichts klappt – und manchmal auch ganze Phasen, in denen es einfach nicht gut läuft.
Ideal wäre es, solche Zeiten entspannt hinzunehmen.
Gerade hier zeigt sich die Wechselwirkung zwischen innerem Zustand und Meditation besonders deutlich: Wenn nach so einer Phase das Gebet wieder tief und angenehm wird, beginnt oft auch das äußere Leben wieder zu fließen.
Ich sehe solche Phasen als etwas, das zum Leben und zum spirituellen Weg gehört.
Man könnte sagen, wir „bezahlen“ gewissermaßen eine Wiedergutmachung – und zu gegebener Zeit kommt die Gnade.
Vor allen großen Gnadenerfahrungen, die ich gemacht habe, gingen meist unangenehme Phasen voraus. In gewisser Weise kann man sich sogar freuen, wenn es innerlich schwierig wird – denn das könnte ein Vorzeichen für eine bevorstehende Gnade sein.
Du musst hier deine eigenen Erfahrungen machen und die Phänomene achtsam beobachten.
Erkenntnisse durch Experimente sammeln
Oft ist es sehr erkenntnisreich, eine Zeit lang mit bestimmten Verhaltensweisen zu experimentieren. Wir können bewusst auf ein Phänomen in einer bestimmten Weise reagieren und erleben dann direkt die Auswirkungen.
Wenn scheinbar nichts gelingt, können wir uns beispielsweise entspannen und unsere Vorhaben für den Tag einfach loslassen. Auch wenn es schwierig ist, verlagern wir unseren inneren Kampf darauf, loszulassen, anstatt um das Ziel zu ringen.
Durch den bewussten Umgang mit bestimmten Situationen sammeln wir wertvolle Lebenserfahrung.
Es geht darum, sich den geistigen Phänomenen, die im Leben wirken, bewusster zu werden.
Wenn wir klar erkennen, was bestimmte Zustände bedeuten können, lernen wir, gelassener und erfolgreicher mit ihnen umzugehen.
Was können wir noch tun, außer einfach weiterzumachen?
Wenn wir bereits etwas Erfahrung gesammelt haben und mit einem unangenehmen Phänomen konfrontiert werden, können wir zunächst einfach achtsam weiter meditieren. Vieles löst sich allein dadurch auf, dass wir präsent bleiben und eine gewisse Zeit durchhalten.
Abneigung erkennen - und Befreiung finden
Ein zentrales Problem, dem wir besonders zu Beginn unseres kontemplativen Weges begegnen, ist unsere Abneigung gegenüber dem Unangenehmen.
Sobald etwas unangenehm wird, möchten wir es loswerden.
Bei körperlichen Empfindungen verspüren wir den Drang, uns zu bewegen oder ganz aufzuhören. Bei psychischen Zuständen beginnen wir zu denken, abzuschweifen. Wir entziehen uns dem Spüren des Unangenehmen, indem wir der Achtsamkeit ausweichen.
Doch genau das verschlimmert den Zustand.
Das Leiden, das wir empfinden, wird durch unsere Aversion gegenüber dem Unangenehmen verstärkt.
Wie bereits erwähnt, ist diese Aversion eines der großen geistigen Haupthindernisse in der Lehre Buddhas. Wir können bewusst das Gegenteil dessen tun, was unsere Konditionierung uns nahelegt – nämlich achtsam zu bleiben.
Voll und ganz dem Moment hingeben
Wenn wir uns ganz bewusst und mit innerer Hingabe in den gegenwärtigen Moment hineinwerfen, finden wir schnell wieder zur Achtsamkeit zurück. Eine mögliche innere Haltung könnte lauten:
„Ich will das Unangenehme jetzt mit voller Intensität spüren.“
Wenn uns das gelingt, verwandelt sich das Unangenehme häufig recht schnell in etwas Neutrales – oder wird zumindest gut erträglich.
Hier erfahren wir Buddhas Lehre ganz unmittelbar am eigenen Leib.
Eine weitere Methode, die wir in solchen Momenten einsetzen können, besteht darin, die Empfindung mit Hilfe von Mental Noting zu benennen.
1.13. Motivation auf dem Weg
Motivation ist auf dem Weg zu Gott ein entscheidendes und fortwährendes Thema.
Wie können wir uns dauerhaft für diesen Weg motivieren, wo uns doch so vieles im Alltag vordergründig beschäftigt?
Motivation der Liebe
Die tiefste und uns in alle Ewigkeit tragende Motivation ist die Liebe – die Sehnsucht nach Gott, in der unsere Liebe zu Ihm enthalten ist. Es ist keine selbstsüchtige Sehnsucht oder Liebe, sondern jene Kraft, die uns befähigt, alles andere loszulassen.
Sie ermöglicht uns sogar, die Bereitschaft zu entwickeln, uns selbst für einen Moment aufzugeben.
Sie ist das Einzige, das uns sicher über den Tod hinausführt – jenen Moment, in dem wir alles loslassen müssen und nur ahnen können, was uns im Jenseits erwartet.
Die Schriften des heiligen Makarius hatten eine enorme motivierende Wirkung auf mich. Sie haben mir den Mut gegeben, mich Gott anzuvertrauen und mich nicht länger auf mich selbst, sondern auf Ihn zu verlassen.
Alles loszulassen und sich Gott anzuvertrauen führt uns in eine kurzzeitige Leere – in einen Nullpunkt-Zustand, in dem sich ein Vakuum der Liebe bildet.
Dieses Vakuum wird dann von Gott selbst ausgefüllt, und am Ende wird Er uns alles schenken.
Wir werden von Gott neu in Seiner Liebe geboren.
Da wir zu dieser tiefsten Motivation – zur Sehnsucht nach Gott – oft noch keinen direkten Zugang haben, brauchen wir den Weg des Gebets. Er führt uns zu diesem innersten Punkt unseres Wesens.
1.14. Die eigene Motivation finden und pflegen
Für den Moment genügt es, die eigene Motivation zu finden. Dafür solltest du dir ausreichend Zeit nehmen und das Ergebnis schriftlich festhalten. Wenn später etwas Neues in dir zum Vorschein tritt, ergänze deine Notizen entsprechend.
Nachdem du deine Anfangsmotivation erkannt hast, ist es wichtig, sie dir immer wieder bewusst zu machen.
Mit der Zeit wird ihre Kraft auf natürliche Weise nachlassen – hier braucht es dann eine bewusste Anstrengung, um sie lebendig zu halten.
Rituale und Praxis für eine stabile Ausrichtung
Hilfreich ist es, ein kleines Ritual zu entwickeln – zum Beispiel vor jeder Meditation einen Moment innezuhalten, um dich mit deiner Motivation zu verbinden.
Um die innere Ausrichtung zu stabilisieren, ist es sinnvoll, den geistigen Weg zu einem zentralen Thema deines Lebens zu machen: Bücher lesen, an Workshops und Retreats teilnehmen, den Austausch mit anderen suchen – all das kann unterstützend wirken.
Besonders hilfreich kann eine Gemeinschaft sein, sei es eine lokale oder eine virtuelle Meditationsgruppe, an der du regelmäßig teilnimmst.
Wenn du diesen Weg eine Weile gegangen bist, wirst du geistige Führung erfahren.
Du wirst immer klarer erkennen, dass du geführt wirst – und das schenkt dir Kraft und Vertrauen, weiterzugehen.
Die Motivation durch geistige Nahrung vertiefen
Wir können unsere Motivation vertiefen, indem wir uns innerlich mit geistigen Schriften und mit Menschen auseinandersetzen, die bereits in einer tieferen Motivation leben.
Dadurch entsteht eine Resonanz in den tieferen Ebenen unseres Wesens.
Für mich war und ist es unabdingbar, mich mit spirituellen und mystischen Inhalten zu beschäftigen. Das ist ein fester Bestandteil meiner täglichen Gebetspraxis. Auf das stille Gebet folgt stets eine Lesung. Ich lese auch immer wieder Bücher über Heilige – ihre persönlichen Geschichten berühren mich oft sehr tief.
Hinweis zu Biografien
Es gibt unterschiedliche Arten von Heiligenbiografien. Heiligenlegenden sind häufig stark idealisierte Darstellungen der Person und ihres Lebens. Ihr Vorteil ist, dass sie den spirituellen Aspekt und den inneren Geist bewahren.
Dann gibt es rein wissenschaftliche Biografien. Sie sind oft sehr detailliert und meist kritisch gegenüber mystischen Erfahrungen – hier geht der Geist häufig verloren.
Schließlich gibt es auch Erzählungen, die authentisch und zugleich geistvoll sind. In ihnen erfährt man auch etwas über die Schwierigkeiten der jeweiligen Person, was sie nahbarer macht. In solchen Geschichten erkennen wir oft uns selbst wieder – und sehen zugleich die spirituellen Lösungen, zu denen diese Menschen geführt wurden.
Ich achte sehr darauf, ob ein Buch den Geist vermittelt.
Meine persönliche Motivation
Zur Anregung möchte ich einige Aspekte meiner eigenen Motivation mit dir teilen.
Zum einen spüre ich eine tiefe Sehnsucht, Gott in der Realität unmittelbarer zu erfahren. Ich habe viele Konzepte und Vorstellungen über Gott kennengelernt – doch mein Wunsch ist es, Ihm jenseits aller Bilder und gedanklichen Konstrukte zu begegnen, so wie Er wirklich ist. Ihm innerlich nahe zu sein, gehört zu meinen größten Zielen.
Eine weitere Motivation entspringt der Unzufriedenheit mit meinem inneren Zustand. Ich wünsche mir mehr innere Freiheit und Liebe. Ein Teil dieser Unzufriedenheit kann durchaus aus dem bewertenden Ego stammen.
Zugleich ist sie aber auch ein ursprünglicher Impuls, der dann entsteht, wenn wir unsere Begrenzungen klar erkennen.
Wir spüren tief in uns, dass sich unser wahres, liebendes Wesen entfalten möchte.
Ein zusätzlicher Antrieb ist der Wunsch, Gott eine Freude zu machen, Ihm etwas zurückzugeben.
Dahinter kann sich auch eine unbewusste psychodynamische Prägung verbergen – zum Beispiel, wenn wir in unserer Kindheit zu viel Verantwortung für das Wohlergehen unserer Eltern übernommen haben. Solche Muster können in unserem spirituellen Streben mitschwingen.
Doch zugleich ist dieser Impuls auch ein Ausdruck unseres liebenden Wesens:
Die Liebe, die wir empfangen haben, möchten wir auf natürliche Weise weitergeben.
Besonders motivierend ist für mich die Vision eines Lebens im Himmel.
Diese Vorstellung ist ganz schlicht: Ich empfinde in meinem Innersten Liebe – eine Liebe, wie Gott sie allem entgegenbringt. Dieser innerste Impuls ist eins mit dem göttlichen Impuls. Ich folge ihm in jedem Moment meines Lebens – ohne Widerstände. Weder Körper noch Gemüt stellen sich entgegen. Es gibt keine widersprüchlichen Wünsche oder Bedürfnisse mehr. Auch von außen kommt nichts, das mich ablenkt.
Ich folge einfach dem Impuls meines Herzens.
Das ist für mich wahre Freiheit – und zugleich Glückseligkeit in jedem Augenblick.
2.1. Die Praxis der Achtsamkeit
In jedem Moment unseres Lebens können wir eine kleine Anstrengung unternehmen, im Hier und Jetzt zu bleiben.
Wenn du gehst, kannst du bewusst die Fußsohlen spüren. Du kannst die Berührung deiner Hände wahrnehmen, während du etwas greifst – etwa beim Betätigen einer Türklinke. Selbst beim Zähneputzen kannst du bewusst in deinem Körper bleiben.
Gedanken mögen weiterhin auftauchen, doch wir bemühen uns, die Wirklichkeit nicht aus den Augen zu verlieren und uns nicht vollständig mit unserem Denken zu identifizieren. Stattdessen bleiben wir mit unserem Bewusstsein in diesem Moment, in diesem Körper.
Achtsamkeit ist keine Konzentration.
Sie ist ein offenes, weites Gewahrsein des Moments, das in der physischen Realität geerdet ist.
Beispielsweise sitze ich im Garten, spüre meine Fußsohlen, den Druck des Stuhls, auf dem ich sitze, rieche den Duft der Blumen, höre die Geräusche der Vögel und Insekten und spüre, wie sich mein Herz dabei anfühlt.
Alles ist gleichzeitig bewusst.
Sobald ein Mensch kommt, kann ich mit meiner vollen Aufmerksamkeit bei ihm sein, ohne dass mich meine Gedanken und inneren Bilder davon ablenken.
Achtsamkeit ist kein träumerischer Zustand, sondern ein waches Sein in diesem Moment.
Auch beim Autofahren kann man achtsam sein. Hier richtet sich die volle Aufmerksamkeit jedoch auf den Verkehr – andernfalls wäre es gefährlich.
Man sieht den Abstand zu den vorausfahrenden Autos, ist sich gleichzeitig über die Situation neben und hinter sich durch die Spiegel bewusst. Der Körper ist spürbar, man fühlt die Hände am Lenkrad und atmet.
Dies ist eine eher nach außen gerichtete Achtsamkeit.
In der Meditation hingegen richten wir die Achtsamkeit mehr nach innen – auf das, was in unserem Gemüt und Geist geschieht.
Konzentration ist lediglich anfangs nötig, um aus der völligen Identifikation mit unserer Gedanken- und Bilderwelt auszusteigen.
Hier braucht es eine bewusste konzentrative Anstrengung, um uns immer wieder in die Wirklichkeit zurückzuholen.
Damit beginnt der Weg.
Es kann sehr lange dauern, bis Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu unserem gewohnten Zustand wird. Ein bewusstes, sanftes Bemühen, seine Achtsamkeit nicht zu verlieren, wird es jedoch immer bleiben.
Achtsamkeit führt uns zu ständiger Meditation und Gebet.
Ein Mystiker versucht, den ganzen Tag in einem achtsamen Zustand zu bleiben.
Ein vertiefter Zustand der Geist-Körper-Einheit
In einem verbesserten Zustand der Einheit von Geist und Körper können die Gedanken und Prozesse des Gemüts unser Bewusstsein nicht mehr einschläfern. Wir bleiben im Hier und Jetzt, mit dem Bewusstsein in unserem Körper. Gedanken und innere Bilder nehmen wir wahr, ohne uns darin zu verlieren.
Wir sind uns unserer selbst bewusst, erkennen Gedanken als Gedanken und Gefühle als Gefühle – ohne uns damit zu identifizieren.
In einem solchen Zustand ist man sehr offen für Intuition.
Unser Herz bleibt offen und wird leicht berührt.
Eine tiefe Liebe schwingt in allem.
2.2. Die Wirkung der Achtsamkeit auf unseren Geist
Unsere fünf Sinne nehmen ununterbrochen wahr – das lässt sich nicht abschalten. Doch die entscheidende Frage ist, wo sich unser Bewusstsein befindet.
Gurdjieff erklärt, dass bewusstes Wahrnehmen ein Geben und Nehmen erzeugt.
Dadurch entsteht geistige Energie.
Die grobstofflichste Form der Energieaufnahme ist Nahrung, gefolgt vom Atem und schließlich von der bewussten Wahrnehmung.
Diese Energie ist notwendig, um höhere Zentren in uns zu nähren.
Im Göttlichen Prinzip wird erklärt, dass ein Element von unserem Körper zu unserem Geist fließt. Dieses Element wird Vitalitätselement genannt und durch gute Taten erzeugt. Nur durch dieses Element ist geistiges Wachstum möglich – es ist eine Art Nahrung für unseren Geist.
Möglicherweise ist die spirituelle Energie, von der Gurdjieff spricht, ein Aspekt dieses Vitalitätselements.
Aus Erfahrung kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass länger praktizierte Achtsamkeit dazu führt, dass das Geistige Gemüt aktiv wird.
Geistige Empfindsamkeit und Offenheit des Herzens sind die Folge.
Selbsterinnern als Vorstufe, uns der Präsenz Gottes bewusst zu werden
Gurdjieff spricht in diesem Zusammenhang vom Selbsterinnern. Dies geht über die Achtsamkeit der fünf physischen Sinne hinaus und öffnet den Zugang zum geistigen Bereich.
Wir werden uns unseres Geistes bewusst, indem wir uns von Identifikationen lösen – sei es mit unseren Gedanken, Gefühlen, Selbstbildern oder letztlich allem, was wir tun und glauben zu sein.
Anders ausgedrückt: In diesem Zustand werden wir uns unseres wahren Selbst bewusst, das hinter dem Denken und Fühlen steht.
Das Selbsterinnern führt letztendlich dazu, dass wir die Präsenz Gottes in diesem Moment gewahr werden.
Wie eine kleine Erleuchtung wurde mir diese Erkenntnis während eines Workshops bewusst, als ich eine Meditation anleitete. Sie hat mich zutiefst bewegt und beinahe emotional überwältigt.
Wenn wir mit unserem Bewusstsein in alle fünf Sinne gehen, sind wir dort, wo Gott ist – in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt.
Das Einzige, was dann noch nötig ist, um Gottes Geist bewusst zu werden, ist, unsere geistige Empfindsamkeit zu öffnen.
2.3. Gymnastik als Achtsamkeitsübung
Eine für mich ganz wesentliche Achtsamkeitsübung ist die morgendliche Gymnastik vor der Meditation.
Am Morgen ist unser Gemüt oft noch träumerisch. Manchmal laufen Träume weiter, oder es tauchen viele Gedanken und Bilder auf.
Während meiner Körperübungen bringe ich mich auf sanfte Weise in einen achtsamen Zustand. Gedanken und Träume dürfen da sein – ich erde mich zunehmend in der körperlichen Wahrnehmung.
Natürlich könnte man sich auch sehr schnell in einen wachen Zustand bringen – etwa durch einen Adrenalinschub, wie ihn eine kalte Dusche auslösen kann. Das würde die Träumereien vertreiben und uns rasch in den Körper holen.
Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile.
Für mich ist die sanfte Methode stimmiger. Zum einen tue ich dabei genau das, was ich auch im Laufe des Tages – oder immer wieder im Alltag – übe:
die geistige Fähigkeit zu kultivieren, mich selbst in einen achtsamen Zustand zu führen.
Wir können uns nicht dauerhaft durch äußere Reize wie Adrenalinkicks im Körperbewusstsein halten. Irgendwann müssen wir lernen, dies aus eigener geistiger Kraft zu schaffen und aufrechtzuerhalten
Zum anderen finden im Gemüt am Morgen oft noch wichtige Verarbeitungs- und Klärungsprozesse statt, die ich nicht unterbrechen oder unterdrücken möchte.
Zwischen Willenskraft und Achtsamkeit: Der Weg zu nachhaltiger Veränderung
In meinen jüngeren Jahren habe ich hier viel mit Willenskraft gearbeitet. Durch Kampfsport, Disziplin und Fasten konnte ich einen klaren inneren Zustand erreichen.
Doch ich habe dabei auch viele seelische Prozesse verdrängt. Das führte manchmal zu einem Jojo-Effekt: Phasen der Konzentration und Disziplin wechselten sich ab mit Zeiten, in denen das nicht mehr funktionierte.
In diesen Momenten wurden emotionale Bedürfnisse sehr stark – und es baute sich eine innere Abwehr gegen den überdisziplinierten Zustand auf.
Deshalb wurde es mir wichtig, einen sanften Weg zu finden. Einen Weg, auf dem ich mit meinem Gemüt in Kontakt bleibe und innere Prozesse nicht verdränge, sondern sie bewusst wahrnehme.
Mit einer offenen, liebevollen Achtsamkeit – auch mir selbst gegenüber – habe ich tiefer und nachhaltiger etwas verändert.
Nach diesem Prinzip gestalte ich auch meine morgendlichen Körperübungen.
Ich spüre zunächst einzelne, deutliche Körperempfindungen. Mein Inneres träumt oft noch, Bilder und Geschichten ziehen vorbei. Ich atme und spüre gleichzeitig meinen Körper. Manchmal verliere ich mich kurz in Gedanken oder in der Planung des Tages.
Dann kehre ich sanft zur Körperwahrnehmung zurück.
Bei Yoga- oder Dehnungsübungen versuche ich, alle Muskeln, die ich nicht aktiv brauche, bewusst zu entspannen. Mit jedem Ausatmen lasse ich unnötige Spannungen los und lasse mich etwas tiefer in die Dehnung sinken.
Zwischen den Übungen gehe ich ein paar Schritte im Raum umher.
Ich spüre meine Fußsohlen, meine Hände, das Gewicht meines Körpers, das ich dem Boden anvertraue.
Nach etwa 20 bis 30 Minuten bin ich ganz im Körper angekommen, wach und gegenwärtig.
Dann beginne ich mit der Meditation.
3.1. Gebetspraxis
Ab wann beginnt Gebet?
Wie schon erwähnt, können wir Meditation und Gebet anhand der Motivation des Meditierenden unterscheiden.
Die Haltung bestimmt den Wert der Handlung
Jemand, der eine Kirche baut – wie Franz von Assisi –, um Gott zu loben und Menschen zu ihm zu führen, tut dies mit genau dieser Absicht. Wir könnten daher sagen, dass die handwerkliche Arbeit beim Bau der Kirche bereits Gotteslob wird, sobald sie mit diesem Bewusstsein ausgeführt wird. Gott würde der Handlung, die zur Fundamentlegung – dem Bau der Kirche – führt, den gleichen Wert zusprechen, wenn diese Herzenshaltung dahintersteckt.
Meditation mit der Ausrichtung auf Gott
Genauso hat Meditation, die mit der Motivation geschieht, Gott näherzukommen, bereits den Wert eines Gebets – auch wenn wir dabei zunächst nur das Fundament der inneren Sammlung vorbereiten.
In diesem Abschnitt wollen wir die Gebetspraktiken betrachten, die aus der Tradition des Herzensgebets stammen. Zudem gehen wir noch konkreter auf die innere Haltung ein, die uns direkter zu Gott führt.
3.2. Die Rolle der Hände im Gebet
Eine praktische Einführung zur Rolle der Hände im Herzensgebet habe ich erstmals durch das Buch Die Praxis des Herzensgebets von Andreas Ebert und Peter Musto erhalten.
Es ist ein empfehlenswertes Kursbuch für den Einstieg in das Herzensgebet. Dem Buch liegt sogar eine CD mit geführten Meditationen und Übungen bei.
Besonders angesprochen hat mich der Ansatz zum Umgang mit den Händen im Gebet.
Das Besondere war für mich, wie behutsam an die Empfindung und Haltung der Hände herangeführt wird. Es gibt keine vorgegebene Haltung – vielmehr finden die Hände ihre Gebetshaltung durch achtsames Spüren.
Zunächst legt man die Hände auf den Oberschenkeln ab und nimmt sie bewusst wahr. Nach einer Weile dreht man sie um, sodass die Handflächen nach oben zeigen. Dann wartet man achtsam, bis sich die Hände von selbst anheben und ihre Gebetsposition finden.
Dieses Vorgehen fördert einen sehr achtsamen Umgang mit den Händen, die im Gebet eine wichtige Rolle spielen.
Es geht dabei nicht nur um die physischen Hände, sondern auch um ihren energetischen Aspekt. Mit zunehmender Gebetspraxis entwickelt sich eine feine energetische Wahrnehmung. Man spürt die Energie in den Handtellern, die auch als „Herzen der Hände“ bezeichnet werden.
Andreas Ebert und Peter Musto waren Schüler von Franz Jalics, einem ungarischen Jesuitenpater, der zuletzt in Deutschland das Herzensgebet unterrichtete. Franz Jalics führte uns dazu, in die Händen zu beten, weil sie uns ins Herz führen.
Mit einiger Übung wird die Verbindung zwischen der Energie der Handteller und des Herzens spürbar.
Diesen großartigen Betern und Autoren bin ich sehr dankbar und kann ihre Bücher wärmstens empfehlen.
Meine persönlichen Erfahrungen mit den Händen im Gebet
Als ich begann, mit Gebetshänden zu meditieren, entwickelte sich eine eigene Dynamik. Die Hände fanden von selbst ihre Haltung – zum Beispiel positionierten sie sich so, dass die Handflächen einander zugewandt waren und sich die Fingerspitzen leicht berührten. Die Energie in den Handtellern wurde deutlich spürbar.
Immer wieder geschah es, dass die Hände wie von selbst in eine andere Haltung wechselten – beispielsweise mit abgewinkelten Ellbogen und nach oben geöffneten Handflächen.
Diese Bewegungen setzten oft ein, wenn ich in einen tieferen Gebetszustand eintrat.
Häufig nahmen die Hände auch eine Haltung mit erhobenen Armen ein. Selbst wenn das mit der Zeit anstrengend wurde, ließ ich den Händen freien Lauf und beeinflusste es nicht willentlich.
So spiegelte die Haltung der Hände direkt meine Gebetsverfassung wider.
Besonders in Momenten, in denen ich spürte, dass geistige Gnade über mich kam und ich in einen höheren Zustand gehoben wurde, begannen sich die Hände wie von selbst zu bewegen.
Den eigenen Bezug zu den Gebetshänden entwickeln
Ich will damit nicht aussagen, dass man so etwas bewusst anstreben sollte.
Mein Anliegen ist es vielmehr, anzuregen, dass du selbst deinen Bezug zu deinen Gebetshänden entwickelst und ihre spirituelle Bedeutung nicht unterschätzt.
3.3. Die Praxis des Jesus- und Herzensgebets
Was das Jesusgebet und das Herzensgebet sind und wo sie historisch herstammen, haben wir bereits besprochen.
Nun geht es um eine praktische Einführung.
Beten mit dem Namen Gottes oder einer Art Mantra
Im Teil 2 habe ich die drei Phasen des Herzensgebets differenziert.
1. Gedanke und Atemrhythmus
2. Automatische Wiederholung
3. Bewusstsein der göttlichen Präsenz
Sie zeigen auf, dass wir uns auf einen Zustand hinbewegen, in dem das Wort nicht mehr als Gedanke existiert, sondern zu einem Bewusstsein der spirituellen Präsenz dessen wird, was wir aussprechen.
Die Gebetsphrase finden
Bevor man mit dieser Praxis beginnt, muss man sich für eine Gebetsphrase entscheiden.
Verschiedene Kategorien von Phrasen
Ich unterscheide drei Kategorien von Gebetsphrasen oder Mantras:
- Der Name Gottes
- Der Name der Inkarnation Gottes
- Persönliche Phrasen, die helfen, ein bestimmtes geistiges Bewusstsein zu manifestieren
Der Name Gottes direkt als Mantra
Die erste Möglichkeit besteht darin, den Namen Gottes als Gebetsmantra zu wählen. Dies kann je nach Tradition oder persönlicher Vorliebe unterschiedlich sein.
Beispiele hierfür sind:
- Allah
- Brahman oder Om
- Gott
- Großer Geist
- Himmlische Eltern
- JHWH (Jahwe oder Jehova)
Der Name der Inkarnation Gottes
Einige Erklärungen zum Wert der Verbindung mit der Inkarnation Gottes im Gebet habe ich bereits in Teil 2 gegeben. Die Wahl kann sich an der eigenen Tradition orientieren.
Beispiele:
- Gautama Buddha
- Jesus Christus
- Krishna
- Prophet Muhammad
- Wahre Eltern
Persönliche Phrasen
Persönliche Phrasen können helfen, ein bestimmtes geistiges Bewusstsein zu manifestieren.
Sobald wir ernsthaft nach Gott und dem Weg zu ihm suchen, können wir gewiss sein, dass er uns führen wird.
Ich habe oft erlebt, dass mir bestimmte Phrasen durch Träume oder intuitive Gebetserfahrungen geschenkt wurden. Diese können über einen unbestimmten Zeitraum als Mantra verwendet werden, um sie als Bewusstsein in uns zu verankern und substantiell werden zu lassen.
Einige Beispiele, die ich empfangen habe:
- Wahre Liebe
- Ich bin wichtig für Gott
- Gott steht ab jetzt hinter mir
- Gott möchte durch mich da sein
- Würde und Kraft
- Ich bin da
Psychologische Perspektive
Psychologisch betrachtet sind solche Phrasen emotionale und spirituelle Ressourcen oder innere, befreiende Haltungen, die uns bislang noch fehlen. Sie werden uns als Lösung und Aufgabe für unsere Transformation gegeben. Sie treffen den Nagel auf den Kopf – das heißt, sie benennen genau das, was wir vollziehen sollen.
In der Psychologie kennt man solche ressourcenstärkenden Lösungssätze.
Hier einige Beispiele:
- Meine Eltern stehen hinter mir
- Ich bin mir genug
- Ich bin in meiner Kraft
- Ich bin frei
- Was ich bekommen habe, ist genug – für den Rest sorge ich selbst
Man kann auch einfach die Ressourcen benennen, die einem im Moment zu fehlen scheinen. Beispiele:
- Friede
- Lebensfreude
- Verbundenheit
- Kraft und Stärke
- Vertrauen
3.4. Wie mit einem Mantra beginnen?
Wie beginnen wir mit unserem neu gewählten Mantra?
Nachdem wir uns geerdet und achtsam in die Meditation begeben haben, beginnen wir, das Mantra in Gedanken zu sprechen.
Dies geschieht im Rhythmus des Atems. Einzelne Wörter können beim Ein- oder Ausatmen rezitiert werden, längere Phrasen lassen sich auf Ein- und Ausatmen aufteilen.
Ob das Wort beim Ein- oder Ausatmen gesprochen wird, ist nicht fest vorgegeben. Verschiedene Praktizierende geben hierzu unterschiedliche Anweisungen, ebenso dazu, ob man die Phrase mit dem Ein- oder Ausatmen beginnt.
Ich persönlich spreche das Wort oder beginne die Phrase beim Einatmen und setze sie beim Ausatmen fort. Am Ende des Ausatmens und in der Pause, bevor der nächste Atemzug beginnt, ist der Körper am ruhigsten – dies ist sozusagen der Nullpunkt des Atems.
Ich lasse mich mit dem vollendeten Mantra in das Ausatmen und diesen Nullpunkt sinken.
Worauf es ankommt
Wichtig ist, dass wir nicht über den Inhalt nachdenken und uns keine Bilder dazu vorstellen.
Das Mantra wirkt auf der Ebene des Geistes, nicht des Gemüts.
Das Gemüt wird manchmal Bilder oder Gefühle erzeugen, insbesondere wenn wir den Namen einer Person verwenden. So kann beim Namen „Jesus Christus“ ein Bild von ihm entstehen oder ein Gefühl der Andacht aufkommen.
Das ist in Ordnung, doch wir können es einfach wieder loslassen – darum geht es nicht.
Wenn das Gemüt keine Bilder und Gefühle mehr produziert, sind wir einen Schritt weiter. An diesem Punkt kann es sich so anfühlen, als sei das Mantra leer oder neutral, als würde nichts passieren.
Doch genau das ist ein gutes Zeichen. Wichtig ist, die Phrase achtsam und mit Hingabe weiter zu rezitieren.
Die Entwicklung des Mantras
Nach einigen Wochen etabliert sich das Mantra, und wir können es immer sanfter und leiser in Gedanken sprechen – während es gleichzeitig immer kraftvoller wird.
In der dritten Phase kommt die Gnade hinzu:
Das Mantra wird zu einem realen geistigen Bewusstsein.
Dies ist eine mystische Erfahrung und ein Geschenk – es kann nicht willentlich herbeigeführt werden. Bis zur zweiten Phase jedoch können wir uns mit Geduld und Hingabe hinbewegen.
Hier erlebe ich, dass der Atem das Mantra bereits in sich trägt. Das achtsame Wahrnehmen des Atems und das gedachte Mantra sind eins geworden.
Die gesamte Hingabe, die wir investiert haben, steckt nun im bewussten Gewahrsein des Atems.
Das Mantra muss nicht mehr aktiv gedacht werden – es fühlt sich an, als würde der Atem es singen. Dieser Zustand erfordert natürlich viele Stunden der Wiederholung.
Das Mantra im Alltag nutzen
Wir können das Mantra auch im Alltag einsetzen:
- In einem achtsamen Moment tief ins Herz einatmen und innerlich das Mantra sprechen
- Während eines Spaziergangs
- Bei einer einfachen Tätigkeit
So wird es zu einem ständigen Gebet – eine Vorbereitung auf die Gnade des immerwährenden Gebets.
Der Vorteil für Meditationsanfänger
Wenn man noch stark von seinen Gedanken dominiert wird, kann ein Mantra als Methode helfen.
Es beschäftigt den Verstand und verhindert leichter, dass er in andere Gedanken abschweift. Dies ist jedoch nicht der eigentliche Zweck, sondern nur ein Nebeneffekt. Dennoch empfehle ich Anfängern, auch ohne Mantra meditieren zu lernen.
Beispielsweise könnte man abwechselnd mit und ohne Mantra meditieren.
Ich habe lange Zeit mehrere Meditationen am Tag praktiziert – beispielsweise eine längere Sitzung und nach einer Lesung noch eine kürzere von zwölf Minuten. Dasselbe morgens und abends. So hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Übungen an einem Tag zu kombinieren.
Die Schwierigkeit für Meditationserfahrene
Menschen, die bereits länger still meditieren, fällt es oft schwer, wieder ein Mantra zu verwenden.
Der Grund ist verständlich: Wer bereits die reine Meditation gelernt hat, genießt die Stille und die Abwesenheit von Gedanken. Das Bewusstsein ist klarer und bereits im reinen Da-Sein. In diesem Zustand kann es sich wie ein Rückschritt anfühlen, wieder ein Wort mechanisch zu wiederholen.
Trotzdem empfehle ich, die spirituelle Kraft des Namens Gottes zu nutzen.
Wie bereits für Anfänger vorgeschlagen, kann man eine zweite, kürzere Meditation mit Mantra praktizieren.
Fortgeschrittene können das Mantra innerlich nach und nach sehr leise werden lassen. So wie der Atem ein ständiges, rhythmisches Geräusch erzeugt, das die Meditation begleitet, kann das Mantra zu einem begleitenden inneren Klang werden.
Man kann nach einer Weile auch ganz aufhören, es bewusst zu wiederholen, und nur dem Atem lauschen.
Oft wird man feststellen, dass das Mantra nicht vollständig verschwindet – selbst wenn die Gedanken völlig still sind.
3.5. Das Herz ist entscheidend
Die wesentliche Kraft des Gebets liegt nicht in der Methode, sondern in unserem Herzen.
In unserem tiefsten Inneren lieben wir Gott unendlich.
Das Gebet soll uns mit diesem innersten und wertvollsten Teil unseres Menschseins wieder verbinden.
Wenn wir nach innen gehen und Gott nicht sofort finden, beginnt ein Prozess.
Wir erleben Leere und Einsamkeit.
Wenn wir das aushalten und uns nicht sofort davon abbringen oder ablenken lassen, entwickelt sich auf natürliche Weise die Sehnsucht nach Gott.
Manche christliche Mystiker sagen, dass die Sehnsucht nach Gott bereits eine Gnade ist, die Gott in uns hineingelegt hat. Tatsächlich ist sie der entscheidende Antrieb der Mystiker, Gott im Inneren zu suchen.
So innig menschliche Beziehungen auch sein mögen – sie können diese Sehnsucht nicht stillen.
Im Vergleich fühlen sie sich oft oberflächlich und distanziert an. Die Beziehung zu Gott ist näher, als wir es uns je vorstellen können.
Die Sehnsucht weiß das und treibt uns an, nicht aufzugeben, bevor wir Gott gefunden haben.
In der Sehnsucht nach Gott steckt bereits die Liebe zu ihm.
Wenn wir diese Liebe spüren, wirkt sie wie ein Magnet, der Gott anzieht.
Die Nähe Gottes, die wir dann erfahren, ist ein natürliches Resultat unserer Liebe zu ihm und zugleich ein Geschenk der Gnade. Wenn wir mit dem tiefsten Kern unseres Wesens in Kontakt bleiben und diese Liebe bewusst fühlen, wird Gott uns früher oder später heimsuchen.
Sun Myung Moon sagt, dass sich nicht einmal Gott diesem Prinzip entziehen kann.
Die Sehnsucht wird immer tiefer
Auf dem Gebetsweg wird die Sehnsucht so intensiv, dass wir jeden Moment beten möchten.
Das bedeutet nicht, dass wir ständig mit gefalteten Händen im Gebetsraum sitzen wollen. Vielmehr entsteht der Wunsch, uns innerlich immer wieder Gott zuzuwenden und ihn in alles mit einzubeziehen.
Manchmal liege ich auf der Couch und höre Rockmusik. Ich versuche, den Moment achtsam zu genießen. Doch selbst hier spüre ich manchmal die Sehnsucht nach Gott, und plötzlich wird der Moment zu einem intensiven Gebet – ganz ohne Gebetshaltung, zwischen Totenkopf-Deko und Partybeleuchtung.
Entscheidend ist die innere Verbindung, nicht die äußere Umgebung oder unsere äußeren Handlungen.
Oft habe ich mit meinem Mantra gebetet, während ich Putz von den Wänden schlug – von oben bis unten mit Staub bedeckt. Gerade in extremen oder unangenehmen Momenten können wir Gott besonders nahe sein, wenn wir Zugang zu unserem ursprünglichen Herzen haben.
Wenn wir diese Sehnsucht nicht deutlich empfinden, müssen wir uns keine Sorgen machen.
Die Gebetspraxis wird uns dorthin führen. Das ist die Kraft der Achtsamkeit, die mir Gott offenbart hat.
Anfangs mag sich alles gezwungen, mechanisch oder selbstbezogen anfühlen. Doch wenn du an die Praxis glaubst und dranbleibst, wird sie dich öffnen und mitnehmen.
Gott ist real – und jeder, der sich darauf einlässt, kann diese Realität erfahren.
3.6. Übungen, um sich des Herzens bewusst zu werden
Durch den inneren Gebetsweg legen wir das Fundament dafür, dass unser Geistiges Gemüt und das spirituelle Herz erweckt und lebendig werden. In diesem Zustand entwickeln wir geistige Empfindsamkeit und ein spirituelles Gefühl im Herzen. Das Herz wird uns dadurch beständig bewusst.
Damit dieser Prozess leichter geschehen kann, können wir die bewusste Wahrnehmung des Herzens gezielt einüben. Dafür gibt es einige hilfreiche Übungen.
Den Herzensbereich wahrnehmen
Eine einfache und wirkungsvolle Übung besteht darin, während der Meditation bewusst den Bereich im Körper wahrzunehmen, in dem das spirituelle Herz liegt.
Wir machen sozusagen die Herzregion zum primären Objekt unserer Meditation. Das spirituelle Herz befindet sich etwa in der Mitte der Brust, leicht oberhalb des physischen Herzens – also nicht links, sondern zentral, dort, wo die obere Hälfte des Brustbeins liegt.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Gefühle zu erzeugen, sondern einzig darum, in diesem Bereich achtsam wahrzunehmen, was da ist.
Der Atem bewegt den oberen Brustraum, und diese Bewegung können wir spüren: Beim Einatmen dehnt sich der Brustkorb – diese Ausdehnung ist am einfachsten zu erspüren.
Um die Wahrnehmung zu unterstützen, können wir eine Hand sanft auf diesen Bereich legen.
Es ist normal, das spirituelle Herz nicht sofort wahrnehmen zu können – dieser Prozess kann Wochen oder Monate dauern. Doch diese Übung fördert das Erwachen des Herzensbewusstseins.
Ich selbst habe diese Übung über ein halbes Jahr hinweg täglich praktiziert. Bei der Mantrameditation kann man während des Einatmens, wenn man mit der Rezitation des Mantras beginnt, bewusst den Herzensbereich fokussieren.
Auf diese Weise wird der innere Fokus auf diesen Bereich stabil etabliert.
Verbindung zwischen Atem, Erdung, Herzwahrnehmung und Mantra
Später begann ich, die verschiedenen Aspekte zu verbinden.
- Beim Einatmen nehme ich die Herzregion wahr und spreche den ersten Teil des Mantras.
- Beim Ausatmen lasse ich die Energie nach unten sinken und spreche den zweiten Teil des Mantras.
3.7. Metta-Meditation von Buddha
Buddha selbst lehrte seine Mönche die Metta-Meditation. Metta ist ein Wort aus dem Sanskrit (im Pali ebenfalls Metta) und wird meist mit „liebende Güte“ übersetzt.
Die Metta-Meditation ist eine kontemplative Praxis, die uns zur Vergebung und zur Entwicklung liebender Güte führt.
Dabei rezitieren wir Segenswünsche für bestimmte Personen und Personengruppen.
- Zunächst beginnen wir mit uns selbst.
- Dann folgen Menschen, die wir lieben oder gernhaben.
- Danach wenden wir uns neutralen Personen zu, zu denen wir keine besonderen Gefühle haben.
- Schließlich schließen wir sogenannte Feinde mit ein – also Menschen, die uns negativ gesinnt sind, uns verletzt oder geschadet haben.
Zusätzlich können auch bestimmte Personengruppen in die Segenswünsche einbezogen werden, z. B. alle Frauen, alle Männer, alle Reichen, alle Armen, alle Politiker oder alle Deutschen. Auch hier beginnen wir mit Gruppen, denen wir positiv gegenüberstehen, und weiten unser Herz dann auf Gruppen aus, bei denen wir schwierige Gefühle empfinden.
Durch dieses schrittweise Einbeziehen herausfordernderer Personen und Gruppen erweitern wir unser Herz und unsere Fähigkeit zu liebender Güte.
Die klassischen Segenswünsche lauten:
1. Möge (ich) frei sein von Gefahr.
2. Möge (ich) glücklich sein.
3. Möge (ich) körperlich gesund sein.
4. Möge (ich) leicht durchs Leben gehen.
Man kann sich auch eigene Varianten von Segenswünschen formulieren.
Dies ist nur eine sehr kurze und vereinfachte Einführung. Wer sich intensiver damit beschäftigen möchte, dem empfehle ich als praktische Anleitung das Buch „Metta-Meditation – Buddhas revolutionärer Weg zum Glück“ von Sharon Salzberg.
3.8. Achtsame Rituale vor dem stillen Gebet
Es gibt einige Rituale, die ich vor dem stillen Gebet vollziehe. Dazu gehören zum Beispiel eine Verbeugung und ein Gebet aus meiner Tradition. Für Christinnen und Christen kann das beispielsweise das „Vaterunser“ sein.
Wesentlich ist für mich die achtsame Ausführung dieser Rituale.
Wenn ich den Gebetsraum betrete, versuche ich, besonders achtsam zu sein. Wenn ich vor dem Altar stehe, spüre ich bewusst die Fußsohlen, oder meine Hände, wenn ich den Gong anschlage oder eine Kerze anzünde.
Ich versuche, mich in diesem Moment für die geistige Umgebung zu öffnen.
Wenn ich ein gesprochenes Gebet spreche, spüre ich die Vibration der Stimme in meinem Herzensbereich.
Zudem spreche ich die Gebete recht langsam, mit Pausen zwischen den Phrasen. Die Worte versuche ich nicht nur zu denken, sondern tief zu empfinden.
Die Pausen sind dabei sehr wichtig – in ihnen mache ich mir Gottes Präsenz bewusst.
Dadurch bekommt für mich alles eine tiefere Qualität – jeder Moment wird mehr und mehr zu einem persönlichen Erlebnis, das mich innerlich berührt.
Gestalte deine persönliche Gebetszeit
Es gibt sehr viele schöne Rituale, die uns auf das Gebet vorbereiten. Sie machen uns täglich die wichtigen Dinge des Lebens bewusst.
Der Alltag vereinnahmt unser Gemüt sehr schnell mit seinen Themen und Inhalten.
Die Gebetszeit ist unsere Zeit, in der wir uns auf das Wesentliche fokussieren können.
Sei also kreativ und gestalte dir deine Gebetszeit so, dass sie zu deiner persönlichen Qualitätszeit mit Gott wird. Integriere Rituale und Gebete, die dich innerlich berühren.
Mein Weg zur Seelsorge
In der Vereinigungsbewegung, der ich mich zugehörig fühle, sind die Menschen sehr altruistisch eingestellt.
Ein zentraler Fokus liegt auf dem Leben für andere und dem Aufbau einer friedlichen Welt. Viele Friedensbewegungen wurden von Sun Myung Moon und seiner Frau gegründet. Diese Aktivitäten erfordern viel persönlichen Einsatz von jedem Einzelnen.
Aus meiner Sicht kommen die persönliche Spiritualität und die Seelsorge dabei oftmals zu kurz.
Daher habe ich mich entschieden, meinen Fokus darauf zu legen, auch wenn es weniger eine bewusste Entscheidung als vielmehr ein Schicksal war. Es ergibt sich aus meiner Persönlichkeit, meinen Problemen und der Weise, wie Gott mich aus meiner Misere herausgeführt hat.
Ein Gebet, das mitgewachsen ist
Im Laufe meines Weges hat sich ein Gebet für das Seelenheil der Menschen entwickelt.
Dieses Gebet hat sich über Jahre hinweg immer weiterentwickelt und verändert. Viele der kleinen Erleuchtungen und Offenbarungen, die ich auf meinem Weg erfahren durfte, sind darin enthalten. Als Anregung möchte ich dieses Gebet hier vorstellen.
Gebet für unser Seelenheil
Geliebte Himmlische Eltern,
bitte vergib uns unsere Sünden und Verfehlungen.
Bitte eröffne uns unser innerstes, reines, demütiges und dankbares Herz, das sich ständig nach Dir sehnt.
Bitte führe uns zu wahrem, absolutem Glauben und Vertrauen in Dich.
Bitte schenke uns Weisheit im Erkennen, Verstehen und Wirken,
und gib uns die Kraft für einen siegreichen Weg.
Bitte öffne unser Herz für Deine wahre Liebe, wahre Freude und wahres Glück,
auf dass wir immer an Dein Herz gebunden sind und bleiben
und Du durch uns da sein kannst.
Bitte schenke uns wahre Güte, wahres Mitgefühl und wahre Stärke im Umgang mit anderen,
und befähige uns, das Gelobte zu erfüllen.
Mach uns zu Deinen wahren Kindern und Familien des Himmels (Chong Il Guk).
Bitte lenke unser Leben und verändere uns, wie Du es möchtest.
Dein Wille geschehe!
Als letzten Punkt, bevor ich das stille Gebet beginne, sage ich:
Himmlische Eltern, ich möchte dieses Gebet als Geschenk der Liebe darbringen.
Hierzu hat mich Franz Jalics mit seinem Buch „Kontemplative Exerzitien“ angeregt.
Hiermit stimmen wir uns auf eine Herzenshaltung ein, die auf die innige Liebe zu Gott ausgerichtet ist.
3.9. Der Schritt nach innen
Das Nach-innen-Gehen ist ein wesentlicher Prozess auf dem Gebetsweg. Es bleibt für mich schwierig, ihn zu fassen und klar zu beschreiben. Ich möchte hier zumindest ein paar Anhaltspunkte geben.
Den Fokus auf das Herz richten
Ein Aspekt der Praxis, der uns von äußerer Achtsamkeit nach innen führt, ist, dass wir den Fokus auf die Wahrnehmung des Herzensbereichs richten. Dieses Thema habe ich bereits beschrieben.
Jedoch wird es erst innerlich, wenn wir die energetische Wahrnehmung unseres Herzens empfinden können. Das Innere des Herzens ist die Richtung, in die wir uns bewegen. Die Wahrnehmung dieser Energie ist jedoch auch noch der äußere Aspekt des Herzens.
Wie kommen wir in das Innere des Herzens?
Geistige Empfindsamkeit öffnet das Innere
Ein wesentlicher Schritt war für mich, Gott nicht mehr in Wahrnehmungen zu suchen.
In meiner im Teil 2 beschriebenen „dunklen Nacht der Seele“ hatte ich noch ein wahrnehmbares Zeichen von Gott erwartet. Obwohl ich in Meditation war, habe ich Gott weiterhin in einer äußeren Wahrnehmung oder in einem Gefühl gesucht.
Doch da Gott reiner Geist ist, liegt er jenseits des wahrnehmbaren Bereichs unserer fünf Sinne. Hier öffnete Gott mir den Zugang zum geistigen Bereich durch geistige Empfindsamkeit.
Die Liebe zu Gott in uns wiederfinden
Der vielleicht wesentlichste Aspekt, der uns nach innen führt, ist, wenn wir die Liebe zu Gott in uns suchen.
Immer wieder erlebe ich Phasen, in denen ich emotional nicht berührt werde. In guten Phasen vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht zu Tränen gerührt bin – entweder durch etwas, das ich in den Schriften lese, oder durch eine Intuition, die ich empfange.
Wenn das nicht geschieht, hilft es mir, mich mit der Liebe zu befassen. Ich suche nach meiner Sehnsucht und Liebe zu Gott in mir. Sobald ich diese wieder finde, bin ich wieder offen, und Berührungen des Herzens finden wieder statt.
Das Gebet ist das wesentliche Element, das uns nach innen führen soll.
Im Gebet wird das Herz von innen her berührt – nicht von Themen, Inhalten oder Bildern.
Es kommt von der himmlischen geistigen Welt.
Dies ist eine Gnade, die wir uns wünschen sollten. Daher wird auch von einigen christlichen Mystikern empfohlen, um die Rührung unseres Herzens zu beten.
Alles beginnt mit der Frage, der Bitte, dem Wunsch.
Wenn wir das nicht für so wichtig erachten – wie soll uns Gott dann diese Gnade zuteilwerden lassen?
Die Trockenheit des Herzens nicht als Normalzustand akzeptieren
Oft haben wir die Trockenheit des Herzens schon als Normalzustand akzeptiert und sind uns gar nicht bewusst, dass uns etwas Wesentliches fehlt.
Das Leben und auch das Glaubensleben beschäftigen uns mit vielen Dingen und Themen. Das meiste kann man mit trockenem Herzen auch ganz gut bewältigen.
Doch können wir wirklich Menschen zu Gott führen, wenn wir Gott nicht tief in unserem Innersten fühlen?
In einer inneren Belebung können wir Menschen viel leichter berühren als in einem trockenen Zustand – auch wenn wir noch so weise erklären können. Das Ausmaß, in dem wir die Liebe zu Gott in uns spüren, hat einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität unseres religiösen Wirkens.
Liebe ist Licht, das jene erleuchtet, die sie geben und empfangen. Liebe ist Schwerkraft, weil sie einige Leute sich zu anderen angezogen fühlen lässt. Liebe ist Macht, weil sie das Beste, das wir haben vermehrt und es der Menschheit in ihrer blinden Selbstsucht erlaubt, nicht ausgelöscht zu werden.
Liebe entfaltet und offenbart sich. Für die Liebe leben und sterben wir. Die Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe.
4.1. Der mystische Weg beginnt im eigenen Inneren
Die spirituelle Führung in Form eines Buches stößt jedoch an ihre Grenzen. Letztlich kann selbst die direkte Führung in einem persönlichen Gespräch das eigene Forschen und Erkennen nicht ersetzen.
Die Wahrheit kann nicht außerhalb von uns selbst gefunden werden. Jeder von uns ist mit der Wahrheit ausgestattet. Sie ist nicht etwas, das irgendwo sonst gelernt werden kann. Ich selbst habe überall nach der Wahrheit gesucht, aber ich konnte sie nirgendwo sonst im Universum finden. Ich habe überall in der Geistigen Welt und ebenso auf der irdischen Welt gesucht und dabei viel gelitten; am Ende aber habe ich erkannt, dass Gott uns alles gegeben hat.
Es war eine große Überraschung. Bis dahin hatte ich es nicht gewusst, aber alle Antworten befinden sich in uns.
Wahrheit kann nicht gelehrt, nur entdeckt werden
Ein Teil dieses mystischen Weges muss von jedem Menschen selbst erforscht und individuell entdeckt werden.
Ich kann lediglich Impulse geben, die in den verschiedenen Phasen helfen können, bestimmte Aspekte wahrzunehmen und bewusster zu werden.
Zum Weg gehört auch, sich immer wieder der eigenen Situation bewusst zu werden.
Dazu kann es hilfreich sein, regelmäßig innezuhalten und sich folgende Fragen zu stellen:
- Was geschieht gerade in mir und um mich herum?
- In welcher Phase meines inneren Weges befinde ich mich?
- Was möchte mir diese Phase lehren?
- Was möchte ich Gott konkret im Gebet fragen?
Dabei ist es wesentlich, offen dafür zu bleiben, dass die Antwort ganz anders ausfallen kann, als wir sie erwarten.
Gott lehrt uns oft durch unsere eigenen Lebenserfahrungen und inneren Prozesse. Hier wird uns etwas gezeigt, und wir werden auf bestimmte Themen aufmerksam gemacht.
Die Antworten erhalten wir dann häufig im Gebet, wenn wir uns für die tieferen Ebenen unseres Wesens und für Gott öffnen.
In diesem Sinne liegen die Antworten in uns.
4.2. Wie können wir in uns forschen?
Das wesentliche Instrument zur Erforschung unseres Inneren ist das Bewusstsein – jenes Bewusstsein, mit dem wir achtsam unsere Wirklichkeit betrachten können.
Wenn wir es unterlassen, Wahrnehmungen und Erfahrungen sofort mit dem Intellekt zu deuten, bleiben wir offen und können dem Wesen der Dinge und Geschehnisse tiefer auf den Grund gehen.
Experimente als praktisches Hilfsmittel
Ganz praktisch können wir in Form von Experimenten bestimmte Vorgehensweisen oder spirituelle Praktiken über einen gewissen Zeitraum ausprobieren.
Nach einigen Wochen erfahren wir ihre Wirkung und können sie in Ruhe auswerten.
In diesem Sinne ist die Praxis, die ich vorschlage, ein Aufruf zum Ausprobieren.
Denke also nicht zu viel darüber nach – sondern probiere es einfach selbst. Wenn uns eine persönliche Frage wirklich am Herzen liegt und wir uns auf ein Experiment einlassen, sind wir innerlich beteiligt.
Wir lassen uns auf den Prozess ein.
Wenn wir hingegen warten und grübeln, bis alle Zweifel verschwunden sind, beginnen wir womöglich nie.
Wenn Gott wirklich existiert und Wahrheit real ist, dann wird sie auch einer ehrlichen Prüfung standhalten.
Mit einem Experiment schaffen wir die Voraussetzung, Wahrheit zu erkennen – nicht durch Nachdenken, sondern durch Erfahrung, vielleicht sogar durch Erleuchtung.
Je aufrichtiger unser Herz und je ehrlicher unsere Frage an Gott ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass uns eine Gnade der Einsicht oder Erleuchtung zuteilwird.
Rückblick auf das Online-Buch
Teil 1: Ein mystischer Ansatz
Im Teil 1: Ein mystischer Ansatz habe ich versucht, einen Zugang zur mystischen Sichtweise und zum inneren Weg zu eröffnen.
Es ging darum zu verstehen, warum Meditation, stilles Gebet und Achtsamkeit die Hauptpraxis aller Mystiker waren und sind.
Mystik ist der Weg eines Menschen zur Erfahrung Gottes. Unter bestimmten Voraussetzungen können diese Erfahrungen durchaus wiederholbar sein.
Aus einer interreligiösen Perspektive heraus können wir die unterschiedlichen mystischen Ansätze miteinander verbinden und ein tieferes Verständnis entwickeln. Das eröffnet uns ein enormes Potenzial, voneinander zu lernen.
Einige grundlegende Begriffe wurden in diesem Teil geklärt.
Teil 2: Der Weg des Gebets – Phasen und Phänomene
Im Teil 2: Der Weg des Gebets – Phasen und Phänomene ging es zunächst darum, den Charakter mystischer Erfahrungen darzustellen und gängige Missverständnisse zu klären. Dabei wurde das kraftvolle Instrument der Achtsamkeit vertieft.
Außerdem habe ich die Phasen und Phänomene beschrieben, durch die Gott mich persönlich geführt hat. Dies sollte zum einen einen Ausblick geben, wohin diese mystische Praxis führen kann, und zum anderen aufzeigen, wie der Weg im Prinzip funktioniert.
Mit einem Exkurs über die geistigen Errungenschaften von Jesus Christus und den Wahren Eltern habe ich versucht, den Raum für einen interreligiösen Austausch im mystischen Bereich zu öffnen.
So wie ein christlicher Priester, der zum Zen-Meister wurde, von Buddhas Errungenschaften profitieren konnte, kann auch jeder Mensch von Christus profitieren – ohne notwendigerweise Christ zu werden.
Geistige Errungenschaften sind von Gott für alle Menschen gegeben.
In einer globalisierten Welt können sie nicht dauerhaft hinter den Mauern von Religionen und Konfessionen verborgen bleiben.
Auch wenn diese Sichtweise durchaus kritisch betrachtet werden mag, habe ich sie bewusst postuliert.
Mein zentrales Anliegen mit Teil 2 war es, Menschen für den mystischen Weg zu begeistern und zu ermutigen.
Teil 3: Die Praxis des inneren Weges
Das Teil 3: Die Praxis des inneren Weges widmet sich der konkreten Praxis.
Es stellt die Frage: Was müssen wir konkret tun, um auf diesem Weg voranzukommen?
Zum Abschluss habe ich darauf hingewiesen, dass geistige Führung ihre Grenzen hat – und dass jeder Mensch sich letztlich selbst auf den Weg machen muss, um in seinem Inneren zu forschen und Gott zu suchen.
Eine Einladung, tiefer zu gehen
Mit diesem Online-Buch möchte ich insbesondere jungen Menschen zeigen, dass Religion mehr ist als ein ethischer Lebensstil, Glaubensveranstaltungen oder Aktivitäten.
Es gibt noch viel mehr zu entdecken – einen inneren Kern, den mystischen Bereich.
Vieles, was wir lesen oder in Predigten hören, wird erst lebendig und wirklich erfahrbar, wenn wir uns selbst auf den inneren Weg begeben.
Einen möglichen Weg habe ich hier skizziert.
Die Geschichte der inneren Arbeit
Auf meinem Glaubensweg habe ich Menschen kennengelernt, die im tiefen Glauben an Gott mutig vorangeschritten sind und Großes geleistet haben – zum Beispiel Familien, die mit fünf kleinen Kindern in ein afrikanisches Land gezogen sind, um Gottes Ruf zu folgen.
Ich selbst bin nicht dieser Mensch mit einem so großen Glauben und habe tiefen Respekt vor diesen Vorbildern.
Ich kenne auch viele Menschen, die sich vom Weg des Glaubens abgewandt haben. Ich will mir nicht anmaßen, die verschiedenen und vielschichtigen Gründe dafür zu verstehen.
Es mag jedoch sein, dass einigen das Gefühl abhandengekommen ist, dass sie auf dem Glaubensweg Gott innerlich näher kommen. Dies hat mich immer wieder traurig gemacht und aus dieser Traurigkeit entstand eine zusätzliche Motivation, nach einem konkreten, gangbaren inneren Weg zu suchen.
Nach einigen Jahren in einer Art Klosterzeit – in denen ich in mobilen Teams mit verschiedenen Aktivitäten unterwegs war – kehrte ich zurück ins normale Berufsleben und in die lokale Gemeinde.
Während im Teamleben der innere und äußere religiöse Weg für mich sehr praktisch und klar waren, schien dies plötzlich verloren.
Je weniger die äußeren Umstände auf das Glaubensleben ausgerichtet waren, desto wichtiger wurde es, einen klaren inneren Weg vor Augen zu haben.
Doch zu dieser Zeit konnte ich einen solchen Weg nirgendwo finden.
Daraus entwickelte sich eine erneute Motivation, einen klaren inneren Weg und eine spirituelle Praxis zu finden, die mich kontinuierlich näher zu Gott führen würden.
In der darauffolgenden Phase zog ich mich für längere Zeit aus dem äußeren Geschehen zurück. Mitte der 1990er Jahre begann ich, über einen Zeitraum von zwölf Jahren hinweg, berufsbegleitende psychotherapeutische Ausbildungen.
In dieser Zeit und während fast zwanzig Jahren beruflicher Tätigkeit als Systemischer Therapeut widmete ich mich intensiv dem Studium der menschlichen Psyche.
Anfangs war ich begeistert von den psychologischen Ansätzen und Methoden, doch schließlich kam es zu einer Ernüchterung.
Ich stieß an eine Grenze, die es mir und anderen nicht ermöglichte, die gewünschten Veränderungen zu erzielen.
Es fehlte noch etwas Wesentliches – Glaubensleben und Psychologie waren nicht ausreichend.
Während dieser Zeit erinnerte ich mich an die mystische Erfahrung meiner Jugend, die mir die Kraft der Achtsamkeit offenbart hatte.
2006 entwickelte ich die ersten Workshops zur Geist-Körper-Einheit mit Achtsamkeitsmeditation. Da ich den Weg jedoch nur unvollständig darlegen konnte, wurde ich mit vielen Einwänden konfrontiert.
Am Ende meiner Kräfte erlebte ich 2008 ein Burnout-Syndrom, das es mir sieben Jahre lang unmöglich machte, aktiv weiterzugehen. Diese Zeit war sehr schwierig für meine Familie. Meine Frau und vor allem meine Kinder haben in dieser wichtigen Lebensphase sehr darunter gelitten. Es war auch eine Zeit gesundheitlicher und finanzieller Krisen.
In dieser Zeit musste ich erkennen, dass der psychologische Betrachtungsbereich und die Erforschung der Psyche mich nur auf halbem Weg in die Tiefe geführt hatten.
Mehrmals erhielt ich durch Träume und intuitive Eingebungen die Offenbarung: „Ende der Therapie.“
Der nächste Versuch, den inneren Weg zu Gott zu erforschen und zu lehren, unternahm ich 2015 mit einer Seminarreihe in Österreich.
Ich plante diese in drei Workshops aufzubauen:
- Den Geist-Körper-Einheitszustand verbessern
- Arbeit am Gemüt – das Herz befreien und öffnen
- Gebet – sich mit einem offenen Herzen Gott zuwenden
Ich führte die Kurse 1 und 2 durch, doch bei der Entwicklung des 3. Kurses geriet ich ins Stocken. Ich studierte viel über Gebet, erreichte jedoch selbst noch keinen Durchbruch.
Wieder fehlte es an etwas Entscheidendem.
Dann erhielten wir überraschenderweise ein vorgezogenes Erbe in Form einer Eigentumswohnung meiner Mutter. Es wurde jedoch schnell klar, dass wir diese verkaufen würden, um ein Haus für die innere Arbeit zu suchen.
Bei der vergeblichen Suche stießen wir an eine Grenze. In einem intensiven Gebet übergab ich die Entscheidung, welches Haus wir kaufen sollten, in Gottes Hand. Am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf, bei dem mich ein Bekannter fragte, ob ich sein Haus kaufen möchte. Dies taten wir dann auch.
Da das Haus fast 100 Jahre alt und sanierungsbedürftig war und wir kaum Geld übrig hatten, begannen wir, das Haus selbst zu sanieren. Das Projekt dauerte sieben Jahre.
Es war eine Phase intensiver Arbeit, um Geld zu verdienen und die Bauarbeiten voran zu bringen. Es blieb nach der Arbeit kaum Zeit und Energie für etwas anderes. Wir lebten sozial zurückgezogen.
Um das zu bewältigen, vertiefte ich mich täglich in Meditation und Gebet. Diese Zeit wurde zu meiner „Wüstenzeit“ – ähnlich wie viele Mystiker in der Geschichte sich in die Wüste oder auf einen Berg zurückzogen.
Hier offenbarte mir Gott die noch fehlenden Einsichten und schenkte mir die Erfahrungen, die ich in diesem Buch geteilt habe.
Schlussfolgerung
Heute kann ich mit Gewissheit sagen:
Der Weg der Achtsamkeit – in Verbindung mit Tiefenmeditation und stillem Gebet – führt zur inneren Erfahrung mit Gott.
Diesen Weg sind Mystiker aller Religionen gegangen.
Es ist auch der Weg, der zum Nullpunkt-Zustand führt – wie Sun Myung Moon es in seiner mystischen Leere beschrieben hat: der Zustand, in dem wir zum wahren Objekt Gottes werden.
Diese spirituelle Praxis ist auch für Menschen im aktiven Leben geeignet. Sie ist eine wertvolle Ergänzung zu einem glaubensbasierten Leben in Nächstenliebe.
Zugleich eröffnet sie spirituell Suchenden einen praktischen Weg zu innerer Transformation und realer Gotteserfahrung.
Schlusswort und Danksagung
Nun kommen wir zum Ende meiner Erzählung über den inneren Weg zur Einheit mit Gott.
Ich hoffe, die Ausführungen dieses Online-Buches haben in dir etwas innerlich bewegt und dir die Realität Gottes ein Stück nähergebracht. Vielleicht konnten sie dir auch Zuversicht schenken, dass auch du Gott in deinem Inneren finden kannst.
Wenn du das Gefühl hast, dass dieser Weg auch für dich von Bedeutung sein könnte, freue ich mich, dich bei einem Workshop oder einer anderen Gelegenheit kennenzulernen.
Ich freue mich auch sehr über Feedback oder ein paar persönliche Worte.
Thomas Schuh
Danksagung und Widmung
Ich bin Gott unseren Himmlichen Eltern unendlich dankbar für die Gnadengeschenke und die Offenbarung dieses inneren Weges. Sun Myung Moon der mich auf diesen Weg geführt hat, möchte ich dieses Buch widmen.
Danke Himmlische Eltern!