3.1. Gebetspraxis
Ab wann beginnt Gebet?
Wie schon erwähnt, können wir Meditation und Gebet anhand der Motivation des Meditierenden unterscheiden.
Die Haltung bestimmt den Wert der Handlung
Jemand, der eine Kirche baut – wie Franz von Assisi –, um Gott zu loben und Menschen zu ihm zu führen, tut dies mit genau dieser Absicht. Wir könnten daher sagen, dass die handwerkliche Arbeit beim Bau der Kirche bereits Gotteslob wird, sobald sie mit diesem Bewusstsein ausgeführt wird. Gott würde der Handlung, die zur Fundamentlegung – dem Bau der Kirche – führt, den gleichen Wert zusprechen, wenn diese Herzenshaltung dahintersteckt.
Meditation mit der Ausrichtung auf Gott
Genauso hat Meditation, die mit der Motivation geschieht, Gott näherzukommen, bereits den Wert eines Gebets – auch wenn wir dabei zunächst nur das Fundament der inneren Sammlung vorbereiten.
In diesem Abschnitt wollen wir die Gebetspraktiken betrachten, die aus der Tradition des Herzensgebets stammen. Zudem gehen wir noch konkreter auf die innere Haltung ein, die uns direkter zu Gott führt.
3.2. Die Rolle der Hände im Gebet
Eine praktische Einführung zur Rolle der Hände im Herzensgebet habe ich erstmals durch das Buch Die Praxis des Herzensgebets von Andreas Ebert und Peter Musto erhalten.
Es ist ein empfehlenswertes Kursbuch für den Einstieg in das Herzensgebet. Dem Buch liegt sogar eine CD mit geführten Meditationen und Übungen bei.
Besonders angesprochen hat mich der Ansatz zum Umgang mit den Händen im Gebet.
Das Besondere war für mich, wie behutsam an die Empfindung und Haltung der Hände herangeführt wird. Es gibt keine vorgegebene Haltung – vielmehr finden die Hände ihre Gebetshaltung durch achtsames Spüren.
Zunächst legt man die Hände auf den Oberschenkeln ab und nimmt sie bewusst wahr. Nach einer Weile dreht man sie um, sodass die Handflächen nach oben zeigen. Dann wartet man achtsam, bis sich die Hände von selbst anheben und ihre Gebetsposition finden.
Dieses Vorgehen fördert einen sehr achtsamen Umgang mit den Händen, die im Gebet eine wichtige Rolle spielen.
Es geht dabei nicht nur um die physischen Hände, sondern auch um ihren energetischen Aspekt. Mit zunehmender Gebetspraxis entwickelt sich eine feine energetische Wahrnehmung. Man spürt die Energie in den Handtellern, die auch als „Herzen der Hände“ bezeichnet werden.
Andreas Ebert und Peter Musto waren Schüler von Franz Jalics, einem ungarischen Jesuitenpater, der zuletzt in Deutschland das Herzensgebet unterrichtete. Franz Jalics führte uns dazu, in die Händen zu beten, weil sie uns ins Herz führen.
Mit einiger Übung wird die Verbindung zwischen der Energie der Handteller und des Herzens spürbar.
Diesen großartigen Betern und Autoren bin ich sehr dankbar und kann ihre Bücher wärmstens empfehlen.
Meine persönlichen Erfahrungen mit den Händen im Gebet
Als ich begann, mit Gebetshänden zu meditieren, entwickelte sich eine eigene Dynamik. Die Hände fanden von selbst ihre Haltung – zum Beispiel positionierten sie sich so, dass die Handflächen einander zugewandt waren und sich die Fingerspitzen leicht berührten. Die Energie in den Handtellern wurde deutlich spürbar.
Immer wieder geschah es, dass die Hände wie von selbst in eine andere Haltung wechselten – beispielsweise mit abgewinkelten Ellbogen und nach oben geöffneten Handflächen.
Diese Bewegungen setzten oft ein, wenn ich in einen tieferen Gebetszustand eintrat.
Häufig nahmen die Hände auch eine Haltung mit erhobenen Armen ein. Selbst wenn das mit der Zeit anstrengend wurde, ließ ich den Händen freien Lauf und beeinflusste es nicht willentlich.
So spiegelte die Haltung der Hände direkt meine Gebetsverfassung wider.
Besonders in Momenten, in denen ich spürte, dass geistige Gnade über mich kam und ich in einen höheren Zustand gehoben wurde, begannen sich die Hände wie von selbst zu bewegen.
Den eigenen Bezug zu den Gebetshänden entwickeln
Ich will damit nicht aussagen, dass man so etwas bewusst anstreben sollte.
Mein Anliegen ist es vielmehr, anzuregen, dass du selbst deinen Bezug zu deinen Gebetshänden entwickelst und ihre spirituelle Bedeutung nicht unterschätzt.
3.3. Die Praxis des Jesus- und Herzensgebets
Was das Jesusgebet und das Herzensgebet sind und wo sie historisch herstammen, haben wir bereits besprochen.
Nun geht es um eine praktische Einführung.
Beten mit dem Namen Gottes oder einer Art Mantra
Im Teil 2 habe ich die drei Phasen des Herzensgebets differenziert.
1. Gedanke und Atemrhythmus
2. Automatische Wiederholung
3. Bewusstsein der göttlichen Präsenz
Sie zeigen auf, dass wir uns auf einen Zustand hinbewegen, in dem das Wort nicht mehr als Gedanke existiert, sondern zu einem Bewusstsein der spirituellen Präsenz dessen wird, was wir aussprechen.
Die Gebetsphrase finden
Bevor man mit dieser Praxis beginnt, muss man sich für eine Gebetsphrase entscheiden.
Verschiedene Kategorien von Phrasen
Ich unterscheide drei Kategorien von Gebetsphrasen oder Mantras:
- Der Name Gottes
- Der Name der Inkarnation Gottes
- Persönliche Phrasen, die helfen, ein bestimmtes geistiges Bewusstsein zu manifestieren
Der Name Gottes direkt als Mantra
Die erste Möglichkeit besteht darin, den Namen Gottes als Gebetsmantra zu wählen. Dies kann je nach Tradition oder persönlicher Vorliebe unterschiedlich sein.
Beispiele hierfür sind:
- Allah
- Brahman oder Om
- Gott
- Großer Geist
- Himmlische Eltern
- JHWH (Jahwe oder Jehova)
Der Name der Inkarnation Gottes
Einige Erklärungen zum Wert der Verbindung mit der Inkarnation Gottes im Gebet habe ich bereits in Teil 2 gegeben. Die Wahl kann sich an der eigenen Tradition orientieren.
Beispiele:
- Gautama Buddha
- Jesus Christus
- Krishna
- Prophet Muhammad
- Wahre Eltern
Persönliche Phrasen
Persönliche Phrasen können helfen, ein bestimmtes geistiges Bewusstsein zu manifestieren.
Sobald wir ernsthaft nach Gott und dem Weg zu ihm suchen, können wir gewiss sein, dass er uns führen wird.
Ich habe oft erlebt, dass mir bestimmte Phrasen durch Träume oder intuitive Gebetserfahrungen geschenkt wurden. Diese können über einen unbestimmten Zeitraum als Mantra verwendet werden, um sie als Bewusstsein in uns zu verankern und substantiell werden zu lassen.
Einige Beispiele, die ich empfangen habe:
- Wahre Liebe
- Ich bin wichtig für Gott
- Gott steht ab jetzt hinter mir
- Gott möchte durch mich da sein
- Würde und Kraft
- Ich bin da
Psychologische Perspektive
Psychologisch betrachtet sind solche Phrasen emotionale und spirituelle Ressourcen oder innere, befreiende Haltungen, die uns bislang noch fehlen. Sie werden uns als Lösung und Aufgabe für unsere Transformation gegeben. Sie treffen den Nagel auf den Kopf – das heißt, sie benennen genau das, was wir vollziehen sollen.
In der Psychologie kennt man solche ressourcenstärkenden Lösungssätze.
Hier einige Beispiele:
- Meine Eltern stehen hinter mir
- Ich bin mir genug
- Ich bin in meiner Kraft
- Ich bin frei
- Was ich bekommen habe, ist genug – für den Rest sorge ich selbst
Man kann auch einfach die Ressourcen benennen, die einem im Moment zu fehlen scheinen. Beispiele:
- Friede
- Lebensfreude
- Verbundenheit
- Kraft und Stärke
- Vertrauen
3.4. Wie mit einem Mantra beginnen?
Wie beginnen wir mit unserem neu gewählten Mantra?
Nachdem wir uns geerdet und achtsam in die Meditation begeben haben, beginnen wir, das Mantra in Gedanken zu sprechen.
Dies geschieht im Rhythmus des Atems. Einzelne Wörter können beim Ein- oder Ausatmen rezitiert werden, längere Phrasen lassen sich auf Ein- und Ausatmen aufteilen.
Ob das Wort beim Ein- oder Ausatmen gesprochen wird, ist nicht fest vorgegeben. Verschiedene Praktizierende geben hierzu unterschiedliche Anweisungen, ebenso dazu, ob man die Phrase mit dem Ein- oder Ausatmen beginnt.
Ich persönlich spreche das Wort oder beginne die Phrase beim Einatmen und setze sie beim Ausatmen fort. Am Ende des Ausatmens und in der Pause, bevor der nächste Atemzug beginnt, ist der Körper am ruhigsten – dies ist sozusagen der Nullpunkt des Atems.
Ich lasse mich mit dem vollendeten Mantra in das Ausatmen und diesen Nullpunkt sinken.
Worauf es ankommt
Wichtig ist, dass wir nicht über den Inhalt nachdenken und uns keine Bilder dazu vorstellen.
Das Mantra wirkt auf der Ebene des Geistes, nicht des Gemüts.
Das Gemüt wird manchmal Bilder oder Gefühle erzeugen, insbesondere wenn wir den Namen einer Person verwenden. So kann beim Namen „Jesus Christus“ ein Bild von ihm entstehen oder ein Gefühl der Andacht aufkommen.
Das ist in Ordnung, doch wir können es einfach wieder loslassen – darum geht es nicht.
Wenn das Gemüt keine Bilder und Gefühle mehr produziert, sind wir einen Schritt weiter. An diesem Punkt kann es sich so anfühlen, als sei das Mantra leer oder neutral, als würde nichts passieren.
Doch genau das ist ein gutes Zeichen. Wichtig ist, die Phrase achtsam und mit Hingabe weiter zu rezitieren.
Die Entwicklung des Mantras
Nach einigen Wochen etabliert sich das Mantra, und wir können es immer sanfter und leiser in Gedanken sprechen – während es gleichzeitig immer kraftvoller wird.
In der dritten Phase kommt die Gnade hinzu:
Das Mantra wird zu einem realen geistigen Bewusstsein.
Dies ist eine mystische Erfahrung und ein Geschenk – es kann nicht willentlich herbeigeführt werden. Bis zur zweiten Phase jedoch können wir uns mit Geduld und Hingabe hinbewegen.
Hier erlebe ich, dass der Atem das Mantra bereits in sich trägt. Das achtsame Wahrnehmen des Atems und das gedachte Mantra sind eins geworden.
Die gesamte Hingabe, die wir investiert haben, steckt nun im bewussten Gewahrsein des Atems.
Das Mantra muss nicht mehr aktiv gedacht werden – es fühlt sich an, als würde der Atem es singen. Dieser Zustand erfordert natürlich viele Stunden der Wiederholung.
Das Mantra im Alltag nutzen
Wir können das Mantra auch im Alltag einsetzen:
- In einem achtsamen Moment tief ins Herz einatmen und innerlich das Mantra sprechen
- Während eines Spaziergangs
- Bei einer einfachen Tätigkeit
So wird es zu einem ständigen Gebet – eine Vorbereitung auf die Gnade des immerwährenden Gebets.
Der Vorteil für Meditationsanfänger
Wenn man noch stark von seinen Gedanken dominiert wird, kann ein Mantra als Methode helfen.
Es beschäftigt den Verstand und verhindert leichter, dass er in andere Gedanken abschweift. Dies ist jedoch nicht der eigentliche Zweck, sondern nur ein Nebeneffekt. Dennoch empfehle ich Anfängern, auch ohne Mantra meditieren zu lernen.
Beispielsweise könnte man abwechselnd mit und ohne Mantra meditieren.
Ich habe lange Zeit mehrere Meditationen am Tag praktiziert – beispielsweise eine längere Sitzung und nach einer Lesung noch eine kürzere von zwölf Minuten. Dasselbe morgens und abends. So hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Übungen an einem Tag zu kombinieren.
Die Schwierigkeit für Meditationserfahrene
Menschen, die bereits länger still meditieren, fällt es oft schwer, wieder ein Mantra zu verwenden.
Der Grund ist verständlich: Wer bereits die reine Meditation gelernt hat, genießt die Stille und die Abwesenheit von Gedanken. Das Bewusstsein ist klarer und bereits im reinen Da-Sein. In diesem Zustand kann es sich wie ein Rückschritt anfühlen, wieder ein Wort mechanisch zu wiederholen.
Trotzdem empfehle ich, die spirituelle Kraft des Namens Gottes zu nutzen.
Wie bereits für Anfänger vorgeschlagen, kann man eine zweite, kürzere Meditation mit Mantra praktizieren.
Fortgeschrittene können das Mantra innerlich nach und nach sehr leise werden lassen. So wie der Atem ein ständiges, rhythmisches Geräusch erzeugt, das die Meditation begleitet, kann das Mantra zu einem begleitenden inneren Klang werden.
Man kann nach einer Weile auch ganz aufhören, es bewusst zu wiederholen, und nur dem Atem lauschen.
Oft wird man feststellen, dass das Mantra nicht vollständig verschwindet – selbst wenn die Gedanken völlig still sind.
3.5. Das Herz ist entscheidend
Die wesentliche Kraft des Gebets liegt nicht in der Methode, sondern in unserem Herzen.
In unserem tiefsten Inneren lieben wir Gott unendlich.
Das Gebet soll uns mit diesem innersten und wertvollsten Teil unseres Menschseins wieder verbinden.
Wenn wir nach innen gehen und Gott nicht sofort finden, beginnt ein Prozess.
Wir erleben Leere und Einsamkeit.
Wenn wir das aushalten und uns nicht sofort davon abbringen oder ablenken lassen, entwickelt sich auf natürliche Weise die Sehnsucht nach Gott.
Manche christliche Mystiker sagen, dass die Sehnsucht nach Gott bereits eine Gnade ist, die Gott in uns hineingelegt hat. Tatsächlich ist sie der entscheidende Antrieb der Mystiker, Gott im Inneren zu suchen.
So innig menschliche Beziehungen auch sein mögen – sie können diese Sehnsucht nicht stillen.
Im Vergleich fühlen sie sich oft oberflächlich und distanziert an. Die Beziehung zu Gott ist näher, als wir es uns je vorstellen können.
Die Sehnsucht weiß das und treibt uns an, nicht aufzugeben, bevor wir Gott gefunden haben.
In der Sehnsucht nach Gott steckt bereits die Liebe zu ihm.
Wenn wir diese Liebe spüren, wirkt sie wie ein Magnet, der Gott anzieht.
Die Nähe Gottes, die wir dann erfahren, ist ein natürliches Resultat unserer Liebe zu ihm und zugleich ein Geschenk der Gnade. Wenn wir mit dem tiefsten Kern unseres Wesens in Kontakt bleiben und diese Liebe bewusst fühlen, wird Gott uns früher oder später heimsuchen.
Sun Myung Moon sagt, dass sich nicht einmal Gott diesem Prinzip entziehen kann.
Die Sehnsucht wird immer tiefer
Auf dem Gebetsweg wird die Sehnsucht so intensiv, dass wir jeden Moment beten möchten.
Das bedeutet nicht, dass wir ständig mit gefalteten Händen im Gebetsraum sitzen wollen. Vielmehr entsteht der Wunsch, uns innerlich immer wieder Gott zuzuwenden und ihn in alles mit einzubeziehen.
Manchmal liege ich auf der Couch und höre Rockmusik. Ich versuche, den Moment achtsam zu genießen. Doch selbst hier spüre ich manchmal die Sehnsucht nach Gott, und plötzlich wird der Moment zu einem intensiven Gebet – ganz ohne Gebetshaltung, zwischen Totenkopf-Deko und Partybeleuchtung.
Entscheidend ist die innere Verbindung, nicht die äußere Umgebung oder unsere äußeren Handlungen.
Oft habe ich mit meinem Mantra gebetet, während ich Putz von den Wänden schlug – von oben bis unten mit Staub bedeckt. Gerade in extremen oder unangenehmen Momenten können wir Gott besonders nahe sein, wenn wir Zugang zu unserem ursprünglichen Herzen haben.
Wenn wir diese Sehnsucht nicht deutlich empfinden, müssen wir uns keine Sorgen machen.
Die Gebetspraxis wird uns dorthin führen. Das ist die Kraft der Achtsamkeit, die mir Gott offenbart hat.
Anfangs mag sich alles gezwungen, mechanisch oder selbstbezogen anfühlen. Doch wenn du an die Praxis glaubst und dranbleibst, wird sie dich öffnen und mitnehmen.
Gott ist real – und jeder, der sich darauf einlässt, kann diese Realität erfahren.
3.6. Übungen, um sich des Herzens bewusst zu werden
Durch den inneren Gebetsweg legen wir das Fundament dafür, dass unser Geistiges Gemüt und das spirituelle Herz erweckt und lebendig werden. In diesem Zustand entwickeln wir geistige Empfindsamkeit und ein spirituelles Gefühl im Herzen. Das Herz wird uns dadurch beständig bewusst.
Damit dieser Prozess leichter geschehen kann, können wir die bewusste Wahrnehmung des Herzens gezielt einüben. Dafür gibt es einige hilfreiche Übungen.
Den Herzensbereich wahrnehmen
Eine einfache und wirkungsvolle Übung besteht darin, während der Meditation bewusst den Bereich im Körper wahrzunehmen, in dem das spirituelle Herz liegt.
Wir machen sozusagen die Herzregion zum primären Objekt unserer Meditation. Das spirituelle Herz befindet sich etwa in der Mitte der Brust, leicht oberhalb des physischen Herzens – also nicht links, sondern zentral, dort, wo die obere Hälfte des Brustbeins liegt.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Gefühle zu erzeugen, sondern einzig darum, in diesem Bereich achtsam wahrzunehmen, was da ist.
Der Atem bewegt den oberen Brustraum, und diese Bewegung können wir spüren: Beim Einatmen dehnt sich der Brustkorb – diese Ausdehnung ist am einfachsten zu erspüren.
Um die Wahrnehmung zu unterstützen, können wir eine Hand sanft auf diesen Bereich legen.
Es ist normal, das spirituelle Herz nicht sofort wahrnehmen zu können – dieser Prozess kann Wochen oder Monate dauern. Doch diese Übung fördert das Erwachen des Herzensbewusstseins.
Ich selbst habe diese Übung über ein halbes Jahr hinweg täglich praktiziert. Bei der Mantrameditation kann man während des Einatmens, wenn man mit der Rezitation des Mantras beginnt, bewusst den Herzensbereich fokussieren.
Auf diese Weise wird der innere Fokus auf diesen Bereich stabil etabliert.
Verbindung zwischen Atem, Erdung, Herzwahrnehmung und Mantra
Später begann ich, die verschiedenen Aspekte zu verbinden.
- Beim Einatmen nehme ich die Herzregion wahr und spreche den ersten Teil des Mantras.
- Beim Ausatmen lasse ich die Energie nach unten sinken und spreche den zweiten Teil des Mantras.
3.7. Metta-Meditation von Buddha
Buddha selbst lehrte seine Mönche die Metta-Meditation. Metta ist ein Wort aus dem Sanskrit (im Pali ebenfalls Metta) und wird meist mit „liebende Güte“ übersetzt.
Die Metta-Meditation ist eine kontemplative Praxis, die uns zur Vergebung und zur Entwicklung liebender Güte führt.
Dabei rezitieren wir Segenswünsche für bestimmte Personen und Personengruppen.
- Zunächst beginnen wir mit uns selbst.
- Dann folgen Menschen, die wir lieben oder gernhaben.
- Danach wenden wir uns neutralen Personen zu, zu denen wir keine besonderen Gefühle haben.
- Schließlich schließen wir sogenannte Feinde mit ein – also Menschen, die uns negativ gesinnt sind, uns verletzt oder geschadet haben.
Zusätzlich können auch bestimmte Personengruppen in die Segenswünsche einbezogen werden, z. B. alle Frauen, alle Männer, alle Reichen, alle Armen, alle Politiker oder alle Deutschen. Auch hier beginnen wir mit Gruppen, denen wir positiv gegenüberstehen, und weiten unser Herz dann auf Gruppen aus, bei denen wir schwierige Gefühle empfinden.
Durch dieses schrittweise Einbeziehen herausfordernderer Personen und Gruppen erweitern wir unser Herz und unsere Fähigkeit zu liebender Güte.
Die klassischen Segenswünsche lauten:
1. Möge (ich) frei sein von Gefahr.
2. Möge (ich) glücklich sein.
3. Möge (ich) körperlich gesund sein.
4. Möge (ich) leicht durchs Leben gehen.
Man kann sich auch eigene Varianten von Segenswünschen formulieren.
Dies ist nur eine sehr kurze und vereinfachte Einführung. Wer sich intensiver damit beschäftigen möchte, dem empfehle ich als praktische Anleitung das Buch „Metta-Meditation – Buddhas revolutionärer Weg zum Glück“ von Sharon Salzberg.
3.8. Achtsame Rituale vor dem stillen Gebet
Es gibt einige Rituale, die ich vor dem stillen Gebet vollziehe. Dazu gehören zum Beispiel eine Verbeugung und ein Gebet aus meiner Tradition. Für Christinnen und Christen kann das beispielsweise das „Vaterunser“ sein.
Wesentlich ist für mich die achtsame Ausführung dieser Rituale.
Wenn ich den Gebetsraum betrete, versuche ich, besonders achtsam zu sein. Wenn ich vor dem Altar stehe, spüre ich bewusst die Fußsohlen, oder meine Hände, wenn ich den Gong anschlage oder eine Kerze anzünde.
Ich versuche, mich in diesem Moment für die geistige Umgebung zu öffnen.
Wenn ich ein gesprochenes Gebet spreche, spüre ich die Vibration der Stimme in meinem Herzensbereich.
Zudem spreche ich die Gebete recht langsam, mit Pausen zwischen den Phrasen. Die Worte versuche ich nicht nur zu denken, sondern tief zu empfinden.
Die Pausen sind dabei sehr wichtig – in ihnen mache ich mir Gottes Präsenz bewusst.
Dadurch bekommt für mich alles eine tiefere Qualität – jeder Moment wird mehr und mehr zu einem persönlichen Erlebnis, das mich innerlich berührt.
Gestalte deine persönliche Gebetszeit
Es gibt sehr viele schöne Rituale, die uns auf das Gebet vorbereiten. Sie machen uns täglich die wichtigen Dinge des Lebens bewusst.
Der Alltag vereinnahmt unser Gemüt sehr schnell mit seinen Themen und Inhalten.
Die Gebetszeit ist unsere Zeit, in der wir uns auf das Wesentliche fokussieren können.
Sei also kreativ und gestalte dir deine Gebetszeit so, dass sie zu deiner persönlichen Qualitätszeit mit Gott wird. Integriere Rituale und Gebete, die dich innerlich berühren.
Mein Weg zur Seelsorge
In der Vereinigungsbewegung, der ich mich zugehörig fühle, sind die Menschen sehr altruistisch eingestellt.
Ein zentraler Fokus liegt auf dem Leben für andere und dem Aufbau einer friedlichen Welt. Viele Friedensbewegungen wurden von Sun Myung Moon und seiner Frau gegründet. Diese Aktivitäten erfordern viel persönlichen Einsatz von jedem Einzelnen.
Aus meiner Sicht kommen die persönliche Spiritualität und die Seelsorge dabei oftmals zu kurz.
Daher habe ich mich entschieden, meinen Fokus darauf zu legen, auch wenn es weniger eine bewusste Entscheidung als vielmehr ein Schicksal war. Es ergibt sich aus meiner Persönlichkeit, meinen Problemen und der Weise, wie Gott mich aus meiner Misere herausgeführt hat.
Ein Gebet, das mitgewachsen ist
Im Laufe meines Weges hat sich ein Gebet für das Seelenheil der Menschen entwickelt.
Dieses Gebet hat sich über Jahre hinweg immer weiterentwickelt und verändert. Viele der kleinen Erleuchtungen und Offenbarungen, die ich auf meinem Weg erfahren durfte, sind darin enthalten. Als Anregung möchte ich dieses Gebet hier vorstellen.
Gebet für unser Seelenheil
Geliebte Himmlische Eltern,
bitte vergib uns unsere Sünden und Verfehlungen.
Bitte eröffne uns unser innerstes, reines, demütiges und dankbares Herz, das sich ständig nach Dir sehnt.
Bitte führe uns zu wahrem, absolutem Glauben und Vertrauen in Dich.
Bitte schenke uns Weisheit im Erkennen, Verstehen und Wirken,
und gib uns die Kraft für einen siegreichen Weg.
Bitte öffne unser Herz für Deine wahre Liebe, wahre Freude und wahres Glück,
auf dass wir immer an Dein Herz gebunden sind und bleiben
und Du durch uns da sein kannst.
Bitte schenke uns wahre Güte, wahres Mitgefühl und wahre Stärke im Umgang mit anderen,
und befähige uns, das Gelobte zu erfüllen.
Mach uns zu Deinen wahren Kindern und Familien des Himmels (Chong Il Guk).
Bitte lenke unser Leben und verändere uns, wie Du es möchtest.
Dein Wille geschehe!
Als letzten Punkt, bevor ich das stille Gebet beginne, sage ich:
Himmlische Eltern, ich möchte dieses Gebet als Geschenk der Liebe darbringen.
Hierzu hat mich Franz Jalics mit seinem Buch „Kontemplative Exerzitien“ angeregt.
Hiermit stimmen wir uns auf eine Herzenshaltung ein, die auf die innige Liebe zu Gott ausgerichtet ist.
3.9. Der Schritt nach innen
Das Nach-innen-Gehen ist ein wesentlicher Prozess auf dem Gebetsweg. Es bleibt für mich schwierig, ihn zu fassen und klar zu beschreiben. Ich möchte hier zumindest ein paar Anhaltspunkte geben.
Den Fokus auf das Herz richten
Ein Aspekt der Praxis, der uns von äußerer Achtsamkeit nach innen führt, ist, dass wir den Fokus auf die Wahrnehmung des Herzensbereichs richten. Dieses Thema habe ich bereits beschrieben.
Jedoch wird es erst innerlich, wenn wir die energetische Wahrnehmung unseres Herzens empfinden können. Das Innere des Herzens ist die Richtung, in die wir uns bewegen. Die Wahrnehmung dieser Energie ist jedoch auch noch der äußere Aspekt des Herzens.
Wie kommen wir in das Innere des Herzens?
Geistige Empfindsamkeit öffnet das Innere
Ein wesentlicher Schritt war für mich, Gott nicht mehr in Wahrnehmungen zu suchen.
In meiner im Teil 2 beschriebenen „dunklen Nacht der Seele“ hatte ich noch ein wahrnehmbares Zeichen von Gott erwartet. Obwohl ich in Meditation war, habe ich Gott weiterhin in einer äußeren Wahrnehmung oder in einem Gefühl gesucht.
Doch da Gott reiner Geist ist, liegt er jenseits des wahrnehmbaren Bereichs unserer fünf Sinne. Hier öffnete Gott mir den Zugang zum geistigen Bereich durch geistige Empfindsamkeit.
Die Liebe zu Gott in uns wiederfinden
Der vielleicht wesentlichste Aspekt, der uns nach innen führt, ist, wenn wir die Liebe zu Gott in uns suchen.
Immer wieder erlebe ich Phasen, in denen ich emotional nicht berührt werde. In guten Phasen vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht zu Tränen gerührt bin – entweder durch etwas, das ich in den Schriften lese, oder durch eine Intuition, die ich empfange.
Wenn das nicht geschieht, hilft es mir, mich mit der Liebe zu befassen. Ich suche nach meiner Sehnsucht und Liebe zu Gott in mir. Sobald ich diese wieder finde, bin ich wieder offen, und Berührungen des Herzens finden wieder statt.
Das Gebet ist das wesentliche Element, das uns nach innen führen soll.
Im Gebet wird das Herz von innen her berührt – nicht von Themen, Inhalten oder Bildern.
Es kommt von der himmlischen geistigen Welt.
Dies ist eine Gnade, die wir uns wünschen sollten. Daher wird auch von einigen christlichen Mystikern empfohlen, um die Rührung unseres Herzens zu beten.
Alles beginnt mit der Frage, der Bitte, dem Wunsch.
Wenn wir das nicht für so wichtig erachten – wie soll uns Gott dann diese Gnade zuteilwerden lassen?
Die Trockenheit des Herzens nicht als Normalzustand akzeptieren
Oft haben wir die Trockenheit des Herzens schon als Normalzustand akzeptiert und sind uns gar nicht bewusst, dass uns etwas Wesentliches fehlt.
Das Leben und auch das Glaubensleben beschäftigen uns mit vielen Dingen und Themen. Das meiste kann man mit trockenem Herzen auch ganz gut bewältigen.
Doch können wir wirklich Menschen zu Gott führen, wenn wir Gott nicht tief in unserem Innersten fühlen?
In einer inneren Belebung können wir Menschen viel leichter berühren als in einem trockenen Zustand – auch wenn wir noch so weise erklären können. Das Ausmaß, in dem wir die Liebe zu Gott in uns spüren, hat einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität unseres religiösen Wirkens.
Liebe ist Licht, das jene erleuchtet, die sie geben und empfangen. Liebe ist Schwerkraft, weil sie einige Leute sich zu anderen angezogen fühlen lässt. Liebe ist Macht, weil sie das Beste, das wir haben vermehrt und es der Menschheit in ihrer blinden Selbstsucht erlaubt, nicht ausgelöscht zu werden.
Liebe entfaltet und offenbart sich. Für die Liebe leben und sterben wir. Die Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe.