Hat der Mensch das Potential selbstloser zu werden?

Unser Gewissen akzeptiert nicht, dass wir auf Kosten anderer leben. Doch können wir dem Anspruch unseres Gewissens gerecht werden, ohne gegen unsere eigenen Bedürfnisse und unsere eigene Energie zu kämpfen? Hier stellt sich auch die Frage: ist das menschliche Wesen im innersten Kern eher selbstlos oder egoistisch?

Wenn wir das Gewissen betrachten, finden wir zuerst Prägungen durch Erziehung, Kultur und Umfeld. Dies mag auch als eine destruktive, selbstanklagende, kritische Instanz in Erscheinung treten. Diese Instanz geht oft lieblos oder gar erbarmungslos mit uns ins Gericht. Vermischt mit der Angst abgelehnt zu werden, treibt sie uns, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Diese Erscheinungsform des Gewissens ist im Grunde eine Außensteuerung, da sie im Laufe unserer Sozialisierung an uns herangetragen wurde. Sie kommt also nicht aus unserem innersten Wesenskern.

Es gibt aber auch eine andere Erscheinungsform des Gewissens. Ich konnte in meiner langjährigen psychotherapeutischen Tätigkeit immer wieder einen reinen inneren Impuls im Menschen erkennen. Jeder noch so ungerecht handelnde Mensch hat ein reines Wesen, das konstruktiv und liebevoll handeln möchte. Hier tritt das Gewissen, als ein Impuls Erscheinung, der tief aus dem innersten Wesen zu entspringen scheint. Wenn wir diesem innersten Wesen vertrauen, uns dafür öffnen und es entfalten, kann sich die Qualität unserer Persönlichkeit nachhaltig entwickeln.

Wenn die Reifung des menschlichen Wesens tatsächlich zu einem selbstloseren Dasein führt, dann ist dies die Chance der Menschheit. Reifung führt grundsätzlich zu mehr Erfüllung und Zufriedenheit. Wenn wir durch Reifung stimmig selbstloser werden können, dann ist damit nicht nur unser eigenes Glück, sondern auch das unserer Umgebung mit verbunden.

Wie können wir die Welt verändern?

Als Systemiker weiß ich, dass wir andere nicht verändern können, sondern nur uns selbst. Aber ich weiß auch, dass eine wirkliche Änderung meiner Selbst, das System ändern muss. Zieht man an einem Knoten (Mensch) in einem Netz (System), verändert sich das Spannungsverhältnis im ganzen Netz (System). Beispielsweise konfrontiert das Aussprechen eines Tabus von einem Systemmitglied alle und damit das ganze System. Jeder ist gezwungen, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren. Oder ein anderes Beispiel. Wenn jemand in einer Guppe gemobbt wird, genügt es, wenn ein Mitglied der Gruppe sich mit dem Gemobbten solidarisiert. Die negative Dynamik wird gestört und unterbrochen.

Wir sind also nicht machtlos. Wir müssen nur an der richtigen Stelle ansetzen. Die größte Macht, die wir ausüben können, ist die, die wir durch die Veränderung unserer Selbst ausüben.

Hier dürfen wir jedoch nicht nur an der Oberfläche kratzen. Veränderung bedeutet nicht, sich nur damit zu arrangieren, oder das Verhalten zu ändern. Sie geschieht dadurch, dass wir unser menschliches Potential erkennen, entfalten und leben. Hierzu müssen wir das Wesen des Menschen tief verstehen.

© BLI - Thomas Schuh 2022